Wer hätte damit gerechnet: Nietzscheanisch geprägte Pfadfinder mit einem Faible für Stepptanz, Satzgesang und die flämische Renaissancemalerei beherrschen die globalen Hitparaden. In der Geschichte der Menschheit und ihrer Musik ist das ein durchaus neuer Zustand. Allein deswegen lohnt es sich, den Jahresbericht des internationalen Musikbranchenverbands Ifpi (International Federation of the Phonographic Industry) zu studieren.

Die weltweit erfolgreichste Popband des vergangenen Jahres, kann man diesem Bericht also entnehmen, kommt aus Südkorea und trägt den Namen BTS. Dabei handelt es sich um eine Abkürzung für Bangtan Sonyeondan, was auf Deutsch etwa "kugelsichere Pfadfinder" bedeutet. BTS sind sieben gebildete, gut angezogene Männer mit eleganten Bewegungen und einem androgynen Touch, sie setzen die Tradition der älteren westlichen Boygroups wie etwa Take That und Backstreet Boys fort. Zwei Alben haben BTS 2018 herausgebracht, Love Yourself: Answer und Love Yourself: Tear, diese rangieren in den Jahrescharts der Ifpi auf den Plätzen zwei und drei. Noch erfolgreicher in der Gesamtwertung aus Single- und Albumverkäufen und Streams war nur ein einzelner Künstler, der kanadische R-'n'-B-Sänger Drake; und nur ein einzelnes Album wurde weltweit öfter verkauft und gestreamt, nämlich der Soundtrack zu dem Film Greatest Showman mit Hugh Jackman.

Davon abgesehen sind BTS die unangefochtenen Superstars des globalen Pop; und das ist schon deswegen interessant, weil sie aus Südkorea kommen und nicht aus einem der alten Epizentren der Popkultur in Westeuropa und den USA. Generell sind die Charts kulturell und stilistisch äußerst vielfältig. In den Top Ten der meistgehörten Singles 2018 findet sich der Latin Pop von Luis Fonsi (aus Puerto Rico) und Camila Cabello (aus Kuba) ebenso wie die chinesische R-'n'-B-Variante der Sängerin Tia Ray. Der einzige weiße männliche Popsuperstar, der in den letzten Jahren zu globalem Ruhm gelangen konnte, ist Ed Sheeran; er ist mit seinem aktuellen Album ÷ vertreten (aussprechen möge man den matheseligen Titel im Englischen als Divide), konnte davon allerdings nicht einmal halb so viel verkaufen wie BTS. An der aktuellen EP der südkoreanischen Band, Map of the Soul: Persona, die am vergangenen Freitag erschienen ist, durfte Sheeran sich immerhin als Songschreiber beteiligen, und die US-amerikanische Popsängerin Halsey ist als Gast auf der ersten Single Boy With Luv mit dabei.

Was lässt sich aus dem Ifpi-Bericht ansonsten ablesen? Anders als in der jüngeren Vergangenheit gern behauptet wurde, ist Hip-Hop keineswegs zur führenden Musikkultur des Planeten aufgestiegen; unter den zehn meistverkauften und meistgestreamten Alben des Jahres 2018 befindet sich jedenfalls nur ein einziges Werk aus diesem Genre, nämlich Kamikaze vom Neunzigerjahreveteranen Eminem. Wenn es einen global beherrschenden musikalischen Stil gibt, dann ist dies der R-'n'-B in seinen unterschiedlichsten Variationen – von der ihrerseits mit zahlreichen globalisierten Samples angereicherten Version von Drake über den extrem eklektizistischen Country-Pop-Grunge-Folk-R-'n'-B-Stil des erfolgreichsten US-amerikanischen Newcomers Post Malone bis zum südkoreanischen Boygroup-R-'n'-B von BTS, in dem sich westliche und asiatische Einflüsse miteinander verbinden. Und das nicht nur in der Musik, sondern auch in der visuellen Gestaltung. In dem Video zu ihrem bislang erfolgreichsten Song Blood Sweat & Tears aus dem Jahr 2016 flanieren und tanzen die Musiker von BTS durch ein Museum, das komplett vollgestellt ist mit Höhepunkten der europäischen Kulturgeschichte. Bevor der Song richtig losgeht, meditieren sie vor einem Brueghel-Gemälde, und am Ende stehen sie vor einer Marmorwand mit dem – im deutschen Original eingemeißelten – Sinnspruch: "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können", ein Zitat von Friedrich Nietzsche aus der Vorrede zu Also sprach Zarathustra.

Die Welt wird immer kleiner, und dabei löst sie sich langsam auf: Das ist jedenfalls das Bild, das sich beim Blick auf die erfolgreichste Popmusik des vergangenen Jahres bietet. Die Dominanz der britischen und US-amerikanischen Musik, die den globalen Pop über Jahrzehnte hinweg prägte, ist endgültig verschwunden.