Zu einem dramatischen Kreischereignis ist es am Freitagabend in der Max-Schmeling-Halle in Berlin gekommen. Zwei Stunden lang schrien sich etwa zehntausend Teenager vorwiegend weiblichen Geschlechts in den höchstmöglich noch erreichbaren Frequenzen ihre Stimmen aus dem Leib und schwenkten dazu kleine Hämmer aus Plastik, an deren oberen Enden jeweils zwei Schlagflächen aus Silikon in Herzchenform angebracht waren; wenn man jemandem mit diesen Hammerherzchen beispielsweise auf den Hinterkopf haute, ergab sich ein Quietschgeräusch. Der Anlass für dieses Kreisch-, Quietsch- und Silikonhammerherzchenereignis war der erste Deutschlandauftritt der gegenwärtig erfolgreichsten Girlgroup des Planeten. Sie heißt Blackpink und besteht aus vier in Südkorea lebenden Mädchen. Das Video zu ihrer aktuellen Single Kill This Love wurde nach seiner Veröffentlichung Anfang April binnen 24 Stunden knapp 60 Millionen Mal angeklickt und rangiert damit in der YouTube-Geschichte auf dem ersten Platz der am ersten Tag meistgesehenen Filme. Bis heute haben sich die Zugriffe auf diesen Clip versechsfacht.

Die vier Mitglieder der Gruppe heißen Rosé, Lisa, Jisoo und Jennie. Ihre Musik kann man sich wie eine Mischung aus klassischem südkoreanischen Schlager, neuerem US-amerikanischen R'n'B und den zum Mithüpfen und Armeschwenken einladenden Hau-drauf-und-Schluss-Rhythmen der sogenannten Electronic Dance Music vorstellen. Bei ihrem Konzert wurden Blackpink von einem Live-Ensemble aus tätowierten afroamerikanischen Musikern begleitet, die in etwa so wirkten, als ob die Band aus der Muppet Show alte P-Funk-Hits von George Clintons Parliament nachspielt. Ein gewisser transnationaler Eklektizismus beherrschte mithin die Szene; ein Eindruck, der sich dadurch noch verfestigte, dass die zehntausend Berliner Teenager, wenn sie sich nicht gerade die Seelen aus dem Leib kreischten, die zu wesentlichen Teilen in der Muttersprache der Gruppe abgefassten Texte mitsangen und auf diese Weise eher unvermutet tiefe Koreanischkenntnisse bewiesen.

Das Konzert begann mit dem ersten großen Hit der Gruppe aus dem Sommer 2018, Ddu-Du Ddu-Du. Dazu kamen Rosé, Lisa, Jisoo und Jennie in kurzen weißen Röcken und weißen Schaftstiefeln auf die Bühne, während um ihre Füße herum dichter pinkfarbener Bodennebel wallte. Zu dem zweiten Stück Forever Young wurden hinter den vier tanzenden und singenden Mädchen einige Bilder aus den unendlichen Weiten des Weltalls projiziert, in denen beispielsweise der blaue Erdball mit einem Asteroidenring aus pinkfarbenen Rosen zu sehen war. Später schwebte auch noch eine monströse interstellare Eiswaffel mit pinkfarbenen Kugeln darin durch den luftleeren Raum.

Blackpink wollen mit ihrer Musik das gesamte Universum erreichen oder doch zunächst einmal den gesamten Planeten. Diesen Anspruch untermauerten sie etwa noch damit, dass sie nach den ersten vier Liedern eine lange Videoprojektion in den Auftritt integrierten, in der man ihre Fans aus sämtlichen Teilen der Erde dabei beobachten konnte, wie sie die zuvor live gehörte Musik in eigenen Internetfilmen interpretierten. So sah man Blinks – wie die Blackpink-Fans sich selbst nennen – aus Neuseeland, Ungarn und den Philippinen, aus Tschechien, Deutschland, den USA und von sonstwo, wie sie zu den Melodien ihrer Idole sangen, tanzten, Gitarre spielten, Rhythmuscomputer bedienten und nicht zuletzt auch in militärisch wirkenden Formationen marschierten.

Letzteres passte besonders gut, denn der bereits erwähnte, bislang bedeutendste Hit der Gruppe Kill This Love unterstreicht den darin vorgebrachten Imperativ, sich von einer gescheiterten Liebesbeziehung zu verabschieden, mit einem zackigen Exerzierbeat, der ebenso gut für einen Spielmannszug taugen könnte wie für den Morgenappell in einer Kaserne. Der Liebesabtötungsbefehl wird von dramatisch geblasenen Trompetenfanfaren begleitet wie auch von einer unermüdlichen repetierten "Rat-ta-tat-rat-ta-tat"-Sequenz, die aus dem Weihnachtslied Little Drummer Boy abgeleitet geworden sein könnte. Bei der Live-Darbietung gesellten sich zu Blackpink vier Funkenmariechen hinzu, deren Helme mit Puschelapplikationen versehen waren. Der Umstand, dass Liebe auch schmerzen kann, wurde in einer weiteren Videoprojektion – wie schon in dem zum Song zugehörigen Erfolgs-Videoclip – mit dem Bild einer herzförmigen Bärenfalle verdeutlicht; wer in die Falle tappt, dem wird wenigstens der Fuß amputiert.