Rammstein als Teil der Prokrastinationsgeneration Z: Alles ist ambivalent. Aber Till Lindemann (Mitte) hat die Möglichkeiten der deutschen Dichtkunst leider noch nicht ganz ausgeschöpft. © Jes Larsen

Am Freitag dieser Woche kommt es zu einem künstlerischen Ereignis, das viele Menschen mit Spannung erwarten: Die neue Langspielplatte von Rammstein erscheint. Was ist das für eine Band? Nun, in aller Welt strömen die Menschen zu ihren Konzerten und kaufen ihre Tonträger gern. Man kann sich ihre Musik als instrumental virtuos reduzierten sowie zugleich kraftvoll aufgeplusterten Gitarrenrock mit Gothic- und Schlagermotiven vorstellen. Auf dem unbetitelten neuen Album haben sie ihre Palette noch in kurzweiliger Art um Tanzmusikstile aus unterschiedlichen Epochen und Regionen erweitert, zum Beispiel um Kasatschok und Tropical House. Die Gitarren klingen verlässlich so klobig und abgehackt, als ob sie per Tastendruck aus einem Sampler abgerufen würden. Tatsächlich aber werden die Instrumente von lebenden Menschen bedient; schon darin zeigt sich der dialektische Ansatz, den diese Band seit einem Vierteljahrhundert verfolgt.

Es ist das erste Album der Band seit neuneinhalb Jahren, und bereits das Video zum Stück Deutschland erregte im März große Aufmerksamkeit. Darin zeigen Rammstein einige symbolträchtige Bilder aus Deutschlands Geschichte, vom Kampf der Germanen gegen das römische Heer bis zum Kampf der Rote Armee Fraktion gegen den militärisch-industriellen Komplex im Westdeutschland der Siebzigerjahre. Dazu bekundet der Rammstein-Sänger Till Lindemann seine widersprüchlichen Gefühle gegenüber dem Gegenstand dieses Lieds: Deutschland, mein Herz in Flammen / will dich lieben und verdammen, heißt es bei ihm: Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen / Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben.

Dies wurde von vielen Interpreten, die sich zu Deutschland geäußert haben (Interpretinnen äußerten sich dazu offenbar nicht), als Bekundung eines ambivalenten Verhältnisses zur deutschen Nationalidentität ausgelegt und mithin als eine für Rammstein außergewöhnliche Leistung in Sachen politischer Reflexion. Das kann man so sehen oder auch nicht, in jedem Fall ist es interessant, dass widersprüchliche Gefühle und ambivalente Verhältnisse auch in den anderen zehn Liedern des neuen Albums ein wiederkehrendes Leitmotiv sind. Rammstein wissen nicht nur nicht so genau, was sie von Deutschland zu halten haben. Es geht ihnen generell auch mit allem anderen so, was sie hier besingen, zum Beispiel mit: Sex, Schmerz, Freude, Glück, Tätowierungen, Schönheit, Prostitution und Pädophilie.

In dem Lied Was ich liebe singt Till Lindemann beispielsweise, dass er es nicht liebt, wenn er etwas liebt: Ich mag es nicht, wenn ich was mag / Was ich liebe, das wird verderben / Was ich liebe, das muss auch sterben. Dazu hört man drollige Fiep- und Pfeifklänge, die an den Roboter R2-D2 aus Star Wars erinnern, während die klobigen Gitarren und die Rhythmussektion eine musikalische Schunkelbewegung erzeugen, zu der man sich auch bei wildfremden Menschen sogleich kameradschaftlich einhaken möchte. In dem Lied Sex werden wir mit den widersprüchlichen Empfindungen des Sängers in Fragen des sexuellen Begehrens konfrontiert. Einerseits wird ihm "schlecht" beim Blick auf ein "Geschlecht"; andererseits befindet er: Wir leben nur einmal / wir lieben das Leben / wir lieben die Liebe / wir lieben Sex, woraufhin der Gesang in ein heiteres Brunftlachen mündet wie weiland bei Fred Bertelmann in seinem Hit Der lachende Vagabund.

So wie sich ambivalente Gefühle durch das gesamte Album ziehen, so ist das meistgebrauchte rhetorische Stilmittel das Oxymoron, also die innige Verschränkung sich widersprechender Begriffe. Wenn etwas toll ist, dann ist es zugleich auch gar nicht so toll; wenn etwas schön ist, dann ist es nicht schön; wenn etwas weit weg ist, dann ist es zugleich ganz nah. Etwa in dem Lied Weit weg, in dem wir über die erotischen Fantasien eines jungen Menschen informiert werden, der mit einem Fernrohr eine sich entkleidende Frau im Nachbarhaus ausspäht. Diese ist gleichermaßen "weit weg" und "ganz nah", ganz nah / so weit weg von ihr / so nah / weit weit weg. Dazu brilliert der Keyboarder der Gruppe, Flake Lorenz, mit einer leiernden Retro-Synth-Melodie, die gleichermaßen an Kraftwerk wie an die Tangerine Dream der mittleren Siebzigerjahre erinnert und also den zeitenthobenen Rumsrock seiner Mitmusiker mit Klängen garniert, die an vergangene Visionen von Zukunft erinnern: Heute ist morgen schon gestern.

Die Wonnen der kosmopolitischen Promiskuität

In dem Lied Tattoo werden deutsche Sprichwörter variiert, in denen Oxymora vorkommen – wer schön sein muss, der will auch leiden / und auch der Tod kann uns nicht scheiden –, was auf der nächsthöheren Ebene in eine interessante Resonanzschleife führt: Damit zitieren Rammstein den wiederum wesentlich von ihnen inspirierten Gothic-Rock-Schlagersänger Der Graf von der Gruppe Unheilig, der sich in seinem Lied Die Weisheiten des Lebens schon im Jahr 2014 mit der bewusstseinserweiternden Kraft solcher Sprichwörter befasste: Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum / der Klügere gibt nach, in der Ruhe liegt die Kraft / ehrlich währt am längsten, Fragen kostet nichts / die Weisheiten des Lebens / sind die Worte unserer Väter / die uns trösten und beflügeln / und ewiglich bestehen / ein Vermächtnis aus vergangener Zeit / das unsere Welt zusammenhält

Was die Welt von Rammstein zusammenhält, ist also das, was Welten nicht zusammenhält: die Feier des Selbstwiderspruchs und die generelle Unfähigkeit, sich zu entscheiden oder auch nur einen klaren Blick auf die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu erhalten. Damit passen Rammstein – obgleich die Mitglieder schon in ihren Fünfzigern sind – gut zu der gerade nachwachsenden Prokrastinationsgeneration Z. Manchmal würde man sich dennoch wünschen, dass Till Lindemann beim Texten etwas aktiver vorginge. In der Wahl der rhetorischen Mittel ähnelt ein Stück dem nächsten, das wirkt auf Dauer doch etwas ermüdend. Neben dem viel beschworenen Oxymoron böte sich vielleicht ergänzend das Hendiadyoin an, das Anakoluth oder die Paronomasie; in Fragen der stilistischen Varianz hat Lindemann die Möglichkeiten der deutschen Dichtkunst und das Vermächtnis seiner Väter noch nicht ganz ausgeschöpft.

Umso erfreulicher ist der Abwechslungsreichtum in musikalischer Hinsicht, den Rammstein hier darbieten. Das Stück Ausländer könnte mit seinem heiter sonnendurchfluteten Hüpf-Disco-Groove auch von Robin Schulz oder Felix Jaehn komponiert worden sein; und unter dem Refrain wimmeln ein paar lustige quietschende Schlumpfstimmen. Ausländer ist aber noch aus einem anderen Grund interessant: Es erzählt nämlich von den Wonnen des Nicht-zu-Hause-Seins und der Ortlosigkeit. Das lyrische Ich ist unentwegt unterwegs und wandert frei über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Es handelt sich also um den Inbegriff des Kosmopoliten oder des "anywhere", den die Vertreter der Neuen Rechten – als deren Parteigänger Rammstein gelegentlich betrachtet wurden – zu ihrem meistverachteten Feindbild auserkoren haben. So wie Till Lindemann nun jedoch schon in Deutschland sein ambivalentes Verhältnis zur Nationalidentität bekundet, singt er in Ausländer umso beseelter im eklektischen Kauderwelsch des Globalnomaden: Mi amore / mon cheri / ciao ragazzi / take a chance on me.

Endlose Reise durch die Betten der Welt

Wir erfahren auch den Grund seiner Liebe zur postnationalen Mobilität: Dieser liegt in den dadurch vervielfachten Gelegenheiten, mit immer anderen und neuen Frauen (oder wem auch immer) zu kopulieren: Ich bin kein Mann für eine Nacht / ich bleibe höchstens ein, zwei Stunden / bis die Sonne wieder lacht / bin ich doch schon längst verschwunden. Die endlose Reise rund um die Welt und die endlose Reise durch die Betten der Welt fallen hier organisch in eins; das Politische verschwistert sich mit dem Privaten, und gegenüber den Freuden der kosmopolitischen Promiskuität entpuppt sich das stoische Beharren der Neuen Rechten auf territorialer Identität und Beschränkung als lustfeindliche Verzichtspolitik: Diktatur des Cockblocking.

Man kann sich fragen, ob dies schon das beste Argument für einen libertären Internationalismus ist. Aber es ist immerhin eins, und es passt gut zu der in dem Deutschland-Video dargebotenen Darstellung des deutschen Mannes als ungefickte Mangelexistenz, die ihr unerfülltes sexuelles Begehren durch die Verehrung und kriegerische Verteidigung ohnehin unerreichbarer weiblicher Nationalallegorien kompensiert. Kein Sex macht hässlich, böse und rechts, aber wer in erotischer Weise mit sich im Reinen ist, von dem hat der Rest der Welt keine Aggression zu befürchten: So könnte man die Botschaft dieses neuen Rammstein-Albums beschreiben.

Und in der Art und Weise, in der sich die Band mit dieser hypermaskulinen Reformulierung des Kosmopolitismus auf eine Position jenseits aller etablierten Debattenlinien begibt, könnte man tatsächlich einen Zugewinn an politischer Reflexionskraft erahnen. Sing für mich / komm sing, singt Till Lindemann im letzten Stück des Albums, Hallomann: Sing für mich / komm sing / frag nicht nach dem Sinn.

"Rammstein" erscheint am 17. Mai bei Universal Music.