In dem Lied Tattoo werden deutsche Sprichwörter variiert, in denen Oxymora vorkommen – wer schön sein muss, der will auch leiden / und auch der Tod kann uns nicht scheiden –, was auf der nächsthöheren Ebene in eine interessante Resonanzschleife führt: Damit zitieren Rammstein den wiederum wesentlich von ihnen inspirierten Gothic-Rock-Schlagersänger Der Graf von der Gruppe Unheilig, der sich in seinem Lied Die Weisheiten des Lebens schon im Jahr 2014 mit der bewusstseinserweiternden Kraft solcher Sprichwörter befasste: Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum / der Klügere gibt nach, in der Ruhe liegt die Kraft / ehrlich währt am längsten, Fragen kostet nichts / die Weisheiten des Lebens / sind die Worte unserer Väter / die uns trösten und beflügeln / und ewiglich bestehen / ein Vermächtnis aus vergangener Zeit / das unsere Welt zusammenhält

Was die Welt von Rammstein zusammenhält, ist also das, was Welten nicht zusammenhält: die Feier des Selbstwiderspruchs und die generelle Unfähigkeit, sich zu entscheiden oder auch nur einen klaren Blick auf die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu erhalten. Damit passen Rammstein – obgleich die Mitglieder schon in ihren Fünfzigern sind – gut zu der gerade nachwachsenden Prokrastinationsgeneration Z. Manchmal würde man sich dennoch wünschen, dass Till Lindemann beim Texten etwas aktiver vorginge. In der Wahl der rhetorischen Mittel ähnelt ein Stück dem nächsten, das wirkt auf Dauer doch etwas ermüdend. Neben dem viel beschworenen Oxymoron böte sich vielleicht ergänzend das Hendiadyoin an, das Anakoluth oder die Paronomasie; in Fragen der stilistischen Varianz hat Lindemann die Möglichkeiten der deutschen Dichtkunst und das Vermächtnis seiner Väter noch nicht ganz ausgeschöpft.

Umso erfreulicher ist der Abwechslungsreichtum in musikalischer Hinsicht, den Rammstein hier darbieten. Das Stück Ausländer könnte mit seinem heiter sonnendurchfluteten Hüpf-Disco-Groove auch von Robin Schulz oder Felix Jaehn komponiert worden sein; und unter dem Refrain wimmeln ein paar lustige quietschende Schlumpfstimmen. Ausländer ist aber noch aus einem anderen Grund interessant: Es erzählt nämlich von den Wonnen des Nicht-zu-Hause-Seins und der Ortlosigkeit. Das lyrische Ich ist unentwegt unterwegs und wandert frei über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Es handelt sich also um den Inbegriff des Kosmopoliten oder des "anywhere", den die Vertreter der Neuen Rechten – als deren Parteigänger Rammstein gelegentlich betrachtet wurden – zu ihrem meistverachteten Feindbild auserkoren haben. So wie Till Lindemann nun jedoch schon in Deutschland sein ambivalentes Verhältnis zur Nationalidentität bekundet, singt er in Ausländer umso beseelter im eklektischen Kauderwelsch des Globalnomaden: Mi amore / mon cheri / ciao ragazzi / take a chance on me.

Endlose Reise durch die Betten der Welt

Wir erfahren auch den Grund seiner Liebe zur postnationalen Mobilität: Dieser liegt in den dadurch vervielfachten Gelegenheiten, mit immer anderen und neuen Frauen (oder wem auch immer) zu kopulieren: Ich bin kein Mann für eine Nacht / ich bleibe höchstens ein, zwei Stunden / bis die Sonne wieder lacht / bin ich doch schon längst verschwunden. Die endlose Reise rund um die Welt und die endlose Reise durch die Betten der Welt fallen hier organisch in eins; das Politische verschwistert sich mit dem Privaten, und gegenüber den Freuden der kosmopolitischen Promiskuität entpuppt sich das stoische Beharren der Neuen Rechten auf territorialer Identität und Beschränkung als lustfeindliche Verzichtspolitik: Diktatur des Cockblocking.

Man kann sich fragen, ob dies schon das beste Argument für einen libertären Internationalismus ist. Aber es ist immerhin eins, und es passt gut zu der in dem Deutschland-Video dargebotenen Darstellung des deutschen Mannes als ungefickte Mangelexistenz, die ihr unerfülltes sexuelles Begehren durch die Verehrung und kriegerische Verteidigung ohnehin unerreichbarer weiblicher Nationalallegorien kompensiert. Kein Sex macht hässlich, böse und rechts, aber wer in erotischer Weise mit sich im Reinen ist, von dem hat der Rest der Welt keine Aggression zu befürchten: So könnte man die Botschaft dieses neuen Rammstein-Albums beschreiben.

Und in der Art und Weise, in der sich die Band mit dieser hypermaskulinen Reformulierung des Kosmopolitismus auf eine Position jenseits aller etablierten Debattenlinien begibt, könnte man tatsächlich einen Zugewinn an politischer Reflexionskraft erahnen. Sing für mich / komm sing, singt Till Lindemann im letzten Stück des Albums, Hallomann: Sing für mich / komm sing / frag nicht nach dem Sinn.

"Rammstein" erscheint am 17. Mai bei Universal Music.