Nun ist es also nicht mehr mit einem Ruck getan, der durch das Land geht. Nein, es müssen gleich ein paar neue Töne sein. Der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow stellt mutig die Systemfrage: Braucht Deutschland eine neue Nationalhymne? Die Ostdeutschen sängen die dritte Strophe so ungern mit, und Nazis wiederum grölten die ersten zwei allzu gern.

Nur mal so als Gegenfrage: Braucht Deutschland diese Diskussion?

Wann immer sich ein Problem zu nationaler Bedeutung aufschwingt, lohnt ein Blick zurück. Von Friedrich Ebert über Theodor Heuss zu Richard von Weizsäcker – das Hadern mit dem deutschesten aller Liedgüter hat Tradition. Bundespräsident Heuss schrieb 1952 an Kanzler Adenauer, dass "der tiefe Einschnitt in unserer Volks- und Staatengeschichte einer neuen Symbolgebung bedürftig sei". Es war eben kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Deutschland gerade geteilt und die Bundesrepublik noch keine drei Jahre alt. Da kann man schon von einem Einschnitt sprechen.

Als sich von Weizsäcker 1991 mit dem Hoffmann-Haydn'schen Problemlied beschäftigte, schrieb er im Briefwechsel mit Kanzler Kohl: "Gerade in der Zeit der Teilung hat sie den tiefen Wunsch der Deutschen nach Rechtsstaatlichkeit und nach Einheit in Freiheit ausgedrückt. Dieses Ziel haben sich unsere Landsleute in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und im Ostteil von Berlin friedlich errungen." Damit war auch die Wiedervereinigung musikalisch gefasst. DDR-Bürgerrechtler hielten dagegen, aber offenbar nicht laut genug.

Nationalhymne - "Das Lied der Deutschen" Der Komponist Joseph Haydn hat in die deutsche Hymne ein Volkslied eingeschmuggelt. Was Sie sonst noch darüber wissen sollten, verrät Musikwissenschaftler Hartmut Fladt. © Foto: Zeit Online

Heute also Bodo Ramelow aus Thüringen. Der tiefe historische Einschnitt, in dessen Angesicht er die Liedfrage stellt, ist erst einmal nicht erkennbar. Möglicherweise liegt darin das Problem. Wünschen wir uns nicht alle eine Zäsur, einen Neuanfang? Wie wäre es mit Kitaplätzen, sicheren Jobs, bezahlbaren Wohnungen, sauberen Städten, belebten Landstrichen und singenden Lerchen? Ramelow sagt: "Ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden." Vielleicht sind es doch eher die Naziaufmärsche im Jahr 2019, die da durch seinen Kopf spuken? Einfach mal untersagen, bundesweit – schwuppi, schon wäre die Gefahr der ersten beiden Strophen gebannt.

Denn mal ehrlich, wie müssten wir uns den heutigen Findungsprozess einer neuen Hymne vorstellen? Mit einem Briefwechselchen zwischen Steinmeier und Merkel wäre es ganz gewiss nicht getan. Stattdessen gäbe es monatelange Onlinedebatten, dann Petitionen, Referenden, Konsultationen mit Hans Zimmer und André Heller (immerhin ein Österreicher wie der alte Haydn), mit Wolf Biermann, Herbert Grönemeyer, Nena und Udo Lindenberg. Das, soviel sollte allen klar sein, kann niemand wollen. Lauschen wir doch lieber dem Zwitschern der verbliebenen Vögel. Und weil die Melodie so schön ist, summen wir die Hymne künftig ganz ohne Text.