Der Konjunktiv ist die große Tragödie der Kunst, vor allem in der Popmusik. Was wäre gewesen, wenn: Diese Frage hat schon manche Musiker und Musikerinnen schier um den Verstand gebracht. Sogar solche, die nie das fünfte Mitglied der Beatles waren. Manche dachten im falschen Moment, sie sollten lieber etwas anderes machen, als in einer albernen Band zu spielen. Andere wurden aus gerade noch albern scheinenden, zukünftigen Superstar-Bands hinausgeschmissen. Eine falsche Entscheidung, ein blöder Moment, und Lebenswege scheinen sich zu verbiegen. Aber stets nur in der Rückschau. Ach, hätte ich nur. Ach, wäre ich nicht.

Die Geschichte wäre nicht nur für die Künstler selbst anders verlaufen, auch Musikgeschichte wäre anders geschrieben worden. Im Fall des britischen Songwriters und Produzenten Jai Paul zum Beispiel ließe sich eine fiktionale Parallelerzählung denken, in der sich Drake und Ed Sheeran die waschlappigste Prügelei aller Zeiten um die Telefonnummer von Paul geliefert hätten. Paul, der aus Rayners Lane im Londoner Nordwesten stammt, würde in dieser alternativen Version der Wirklichkeit heute Lieder mit Rihanna schreiben, er käme stets mit großem Rollkoffer zur Grammy-Verleihung, um alle gewonnenen Trophäen abtransportieren zu können, und sein Lieblingsverein, der FC Chelsea, würde jedes Jahr englischer Fußballmeister. Paul wäre reich, gefragt und ewig inspiriert.

Vor wenigen Jahren schien diese Erzählung kurzzeitig Realität zu werden. Bis April 2013 galt der Brite mit indischen Wurzeln als kommender Star der Popmusik. Auf gerade einmal zwei offiziell veröffentlichten Singles hatte er sinnlichen Neunzigerjahre-R’n’B mit einem eigenwillig verbogenen Gitarrenstil und zahlreichen Tricks aus dem Tonstudio verbunden. Vieles deutete darauf hin, dass dieser Mann, der keine Konzerte oder Interviews gab, den magic touch besaß. Schaltkreise jubelten in seinen Songs, Platinen tanzten, Festplatten kühlten sich selbst, Melodien und Gesang zerflossen in zuvor unbekannten Formen. Jai Paul schien der neue Prince zu sein, bevor die Welt überhaupt nach einem neuen Prince suchen musste, denn der alte lebte ja noch.

Statt zum Star wurde Paul zum Leak-Opfer

Doch dann tauchten eben im April 2013 plötzlich 14 Songs auf, über Nacht veröffentlicht auf dem Musikportal Bandcamp. Endlich das Debütalbum von Jai Paul, angeblich. Tage vergingen, bis sich der Künstler und sein Label zu einer Stellungnahme durchrangen. Die Musik, erklärten sie, sei auf illegalem Weg ins Internet gelangt, noch dazu im unfertigen Zustand. Ein unbekannter Dritter habe versucht, sich an den Songskizzen und Demoaufnahmen zu bereichern. Es folgte eine ergebnislose Polizeiuntersuchung. Jai Paul wurde nicht zum nächsten Star der Popmusik, sondern zu ihrem bis dato letzten großen Leak-Opfer.

In den sechs Jahren, die seitdem vergangen sind, hat der FC Chelsea vier Trainer verschlissen und fast eine Milliarde Euro in neue Spieler investiert. Englischer Meister ist er immerhin zweimal geworden. Jai Paul hingegen, der auf dem Coverfoto seines vermeintlichen ersten Albums ein Chelsea-Trikot aus den Neunzigerjahren trug, verstummte für lange Zeit. Der Eingriff in seine Privatsphäre, die verlorene Gestaltungshoheit über die eigene Musik und die damit einhergehende Entblößung vor versammelter Pop-Öffentlichkeit, aber auch vor Fans und Medien, die sich auf seine unvollendeten Songs stürzten: All das ließ den Künstler an Sinn und Zukunft seiner Arbeit zweifeln.

Dies schrieb Paul vor wenigen Tagen in einem an seine Fans adressierten offenen Brief, in dem er den Leak als persönliche Tragödie schildert. Das Schreiben ist das Geleitwort des Künstlers für einen kostenlosen Download (und Stream) der nach wie vor unfertigen Lieder aus dem Jahr 2013, die Paul selbst nun unter dem Titel Leak 04-13 (Bait Ones) ins Netz gestellt hat zum kostenlosen Hören. Nicht nur das Öffentlichwerden seiner Song-Skizzen gegen seinen Willen habe ihn getroffen, schreibt er dazu, sondern auch der zugleich kursierende Verdacht, er selbst habe die Musik vor sechs Jahren in Umlauf gebracht, als Teil einer besonders ausgefuchsten PR-Strategie. Mit der Veröffentlichung nun entledigt sich Paul dieser Altlast. Mittlerweile hat er offenkundig seinen Frieden gemacht mit dem, was geschehen ist.

Denn parallel ist nun erstmals seit sechs Jahren neue Musik von Jai Paul erschienen, wenn auch lediglich zwei Songs: Mit He und Do You Love Her Now verdoppelt Paul den Umfang seiner offiziellen Diskografie von zwei auf vier Songs. Und sein vorsichtig optimistisches Statement deutet an, dass mit weiteren neuen Stücken zu rechnen ist. Der Popstar, der nie wirklich da war, ist zurück. Die Musiklandschaft, in die er zurückkehrt, ist jedoch nicht mehr dieselbe.