Im Rückblick erscheint 2013 wie das bislang letzte Jahr der großen Pop-Utopien. Vampire Weekend verbanden damals auf ihrem Album Modern Vampires Of The City klassisches amerikanisches Songwriting mit Produktionspraktiken aus Rap und R’n’B, die irgendwann selbst als klassisch gelten werden; Daft Punk erkannten in Giorgio Moroder und Nile Rodgers die Lennon/McCartney des Discofunk und übersetzten deren Sound mit Random Access Memories für die schicke Gegenwart der Coachella-Crowd; Pharrell Williams sang erst Get Lucky für Daft Punk und war später auch noch über sich selbst Happy. Überall in der Popmusik schienen sich neue Verbindungslinien und Schleichwege zu öffnen, auf denen auch abseitige Ideen in höchste Regionen der Charts vordringen konnten.

Diese Wege stehen weiterhin offen: Niemand wundert sich heute noch über die Credits zu einer Nummer-eins-Platte von Vampire Weekend, die Hans Zimmer neben Trap-Rapper aus Atlanta oder den Justin-Bieber-Produzenten Bloodpop neben japanische Komponisten für Werbejingles stellen. Die Arglosigkeit aber, die auch aus Jai Pauls kunstvoll überladenen Demoaufnahmen sprach, ist von der Realität eingeholt worden. Mehr denn je etwa ist die Popmusik heute auch Kampfplatz für Gender- und Identitätspolitiken und die race relations. Das hat den Pop grimmiger und verbissener gemacht, bei so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Beyoncé, Fever Ray oder Blood Orange aber auch zu einer neuen Wirkmacht von Musik und deren Inszenierung geführt.

Die Maßstäbe von 2019 an Pauls Lieder aus dem Jahr 2013 anzulegen, wäre nicht nur unfair, sondern auch sinnlos. Selbst mit seinen kratzigen Gesangsspuren und dem streckenweise schmerzhaft übersteuerten Mix sprengt Leak 04-13 (Bait Ones) alle Kategorien, die man damals für selbstverständlich hielt. Gerade das Unfertige verleiht den Stücken bis heute einen besonderen Thrill: Ständig drohen die Songs dieses Nicht-Albums seinem Schöpfer um die Ohren zu fliegen, und oft genug tun sie das auch. Immer wieder fahren Synthie-Riffs und Gitarrenlicks einander in die Parade, Flanger-Effekte und Field Recordings flippern die Songs in neue Richtungen. Und dann erheben sich Momente aus dem Chaos – ein Säuselwort, ein Liebesgeständnis –, die einen schlicht umwerfen mit ihrer emotionalen Wucht.

Das Märchen bleibt unerzählt

Wie viel besser hätte die Zukunft noch klingen können, wäre sie Jai Paul und der Welt nicht im Jahr 2013 von einem bis heute Unbekannten geraubt worden? Was wäre aus den Songs auf Leak 04-13 (Bait Ones) noch geworden, die schon im unfertigen Zustand in allen Farben des Pop-Malkastens schillern? Wir werden es nie erfahren. Dieses Märchen bleibt unerzählt.


Jai Pauls neue, tatsächlich vollendete Stücke aber weisen schon wieder in neue Richtungen. Mit bauchigem Groove und Schlagzeugtusch klingt Do You Love Her Now wie die Paul-Version eines kommenden Soul-Standards. Nie zuvor erschienen die Prince-Vergleiche schlüssiger, denen sich der Musiker seit jeher ausgesetzt sah. Dass er nicht zum Traditionsbewahrer taugen wird, zeigt hingegen He, der andere neue Song. Künstliche Intelligenzen werden mit diesem Slow Jam einmal das Lieben beigebracht bekommen. Zugleich wirft dieses Lied die schönste aller Pop-Fragen auf: Was bitte soll jetzt noch kommen?

"Leak 04-13 (Bait Ones)" ist im Eigenvertrieb erschienen. "Do You Love Her Now" und "He" sind erschienen bei XL / Beggars / Indigo.