Noch keine zehn Minuten sind vergangen auf dem neuen Album Madame X von Madonna, da spürt man ihn zum ersten Mal: den eisigen Atem der Windkönigin. Der Song Dark Ballet hat ihren Auftritt gebührend vorbereitet. Als möglicherweise hirnrissigstes Stück in der rund vier Jahrzehnte umfassenden Karriere von Madonna weht es zügig von einem pompösen Intro zu einem ebenso pompösen Klavierschülersolo. Dann verformt sich das Lied zu einem elektronisch abgefederten Fetenhit und endet schließlich mit einem Spoken-Word-Part, der die Apokalypse auf Autotune beschwört. "The storm is inside of us", spricht Madonna. Und dann pustet die Windkönigin.

So viele Fragen drängen sich da schon auf! War das gerade ein Mozart-Remix von Kraftwerk oder ein Kraftwerk-Remix von Mozart? Gibt es eine Welt, in der Kate Bush solche Lieder schreiben würde, vielleicht nach einem Fahrradunfall oder einem neurochirurgischen Eingriff? Möchte sich jemand am Bau einer Arche beteiligen? Und kann Madonna eigentlich singen? (Auf letztere Frage gibt es immerhin längst eine Antwort: Es ist egal.)

Die Kunstfigur, die Madonna für Madame X ersonnen hat, blickt uns mit unergründlichem Blick und missglückter Gesichtsbemalung vom Cover ihres 14. Studioalbums entgegen, das am 14. Juni erscheint. Und schon wieder sind da nichts als Fragen: Ist diese Figur als Hommage an die ebenso unergründliche Game-of-Thrones-Priesterin Melisandre gedacht? Oder doch an den bösen Wolf, der so lange hustet und pustet, bis er die Häuser der Schweinchen Zilli, Billi und Willi verwüstet hat?

Es gibt zwei eng miteinander verbundene Voraussetzungen, unter denen sich ein Popstar einen Song wie Dark Ballet leisten kann. Erstens muss es sich bei dem Popstar um Madonna handeln. Zweitens muss die Kacke eh schon am Dampfen sein.

Bedeutungsvoll bedeutungslos

Der Album-Rollout ist längst die Königsdisziplin des obersten Popprozents, und spätestens seit Kanye Wests Deadline-Eskapaden ist die entscheidende Frage nicht mehr, welche Musik ein neues Album enthält – sondern wie man den Inhalt so effektvoll mit Vorabbedeutung auflädt, dass dessen tatsächliche Bedeutung bedeutungslos wird.

Als wichtigstes Enthüllungsevent im Vorfeld von Madame X hatte sich die Künstlerin für einen Auftritt beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv entschieden. Gemeinsam mit dem Rapper Quavo, einem Mitglied des milliardenfach gestreamten Trap-Trios Migos, performte sie dort den Dancehall-Song Future. Wobei "performte" in diesem Fall bedeutet, dass Madonna zunächst zu gregorianisch dröhnenden Chorälen auf einer Kathedralenbühne erschien, bevor sie, verkleidet als postapokalyptische Gladiatorin mit Augenklappe, an fast allen Tönen vorbeisang, die in einem Lied so herumstehen können. Tänzerinnen und Tänzer tanzten dazu mit Blumenschmuck und Gasmasken. Zwei von ihnen trugen israelische und palästinensische Flaggen auf dem Rücken. Quavo sah hochinteressiert aus.