Der Mensch und seine Gadgets, die Technik und was sie uns antut: Seit mehr als 20 Jahren landet die Große-Themen-Band Radiohead immer wieder bei dieser Problemstellung. Dabei scheint es eine einfache Lösung zu geben: Thom Yorke sollte aufhören, MiniDiscs zu benutzen. Der maßgebliche Songwriter und Sänger von Radiohead besitzt ein großes Archiv alter Demoaufnahmen, abgespeichert auf den magneto-optischen Disketten mit Plastikverkleidung und fragwürdiger Nutzerfreundlichkeit. Es gibt sie also wirklich noch, nicht nur in den Kellern und Schuhkartons nostalgisch veranlagter Journalisten, die sich nicht von ihren Interviewmitschnitten aus den Neunzigerjahren trennen können.

Was aber ist so schlimm an MiniDiscs? Für Yorke nicht nur die schiere Unmöglichkeit, dieses geile Gitarrensolo oder jenen überragenden Basslauf wiederzufinden, den seine Bandkollegen irgendwann zwischen Stunde acht und zwölf einer Session im Spätsommer 1996 rausgehauen hatten. Sondern auch ihre Entwendbarkeit. 18 MiniDiscs mit unfertigen Aufnahmen des Albums OK Computer sind kürzlich aus Yorkes Archiv verschwunden. Radiohead stellten deren Inhalt daraufhin selbst ins Internet, um einen Erpressungsversuch des Diebes auszubremsen. Die große Erkenntnis des 16-Stunden-Rauschs voller Platzhalter-Lyrics, zielloser Jams und gelegentlicher Geistesblitze: Derart entblößt wird man Yorke nie wieder zu hören bekommen.

Schon seine heutige Arbeitsweise bewahrt ihn davor, vergessen geglaubte Griffbrett- und Stimmerprobungen noch einmal in aller Öffentlichkeit durchleben zu müssen. Vor allem Yorkes Solosongs beginnen bereits seit einigen Jahren am Laptop, als zerbrochener Beat oder Loop. Sogenannte echte Instrumente und Stimmen kommen erst später hinzu: in Form verfremdeter Streicher und kurz aufheulender Kinderchöre, als eigener, ebenfalls zunehmend nachbearbeiteter Gesang oder – wenn die Sterne einmal besonders günstig stehen – sogar als dekorative Gitarren. Die Ergebnisse sind traditionell umstritten.

Yorkes Solokarriere leidet vor allem unter der anhaltenden Bedeutung seiner Hauptband. Die Alben und Soundtracks, die der 50-Jährige seit 2006 mit dem Produzenten Nigel Godrich oder der Supergroup Atoms For Peace aufgenommen hat, bilden einen Fußnotenapparat zur Arbeit von Radiohead. Ihre Ausführungen und Erweiterungen sind oft erhellend, aber man würde das Buch auch verstehen, wenn es sie nicht gäbe. Selten erprobt Yorke einmal einen neuen Blickwinkel, nie weicht er von bekannten Themen wie menschlicher Vereinzelung und Technologieentfremdung ab. Sein neues, drittes Soloalbum Anima kündigte er als apokalyptische Platte an. Als hätte es jemals eine andere Art von Thom-Yorke-Platte gegeben.

Die Songs darauf handeln von Menschen, die Yorkes Erzähler nicht wiedererkennt, vom Rennen auf durchgeweichtem Terrain, von geplatzten Deals und anderer Misskommunikation. Eine allgemeine Ausweglosigkeit liegt über allem, einmal mehr ergreift sie auch den kopflastigen Leidensgesang des Künstlers. Die Maschinen jedoch geben alles: Sie verbiegen ihre Beats in besonders vieleckige Formen, überziehen die Songs mit retrofuturistischen Synthesizersounds und spucken dieses Mal sogar einige trügerisch anschmiegsamen Traumwelteffekte aus. Nicht umsonst hat Yorke das Album nach einem Begriff aus der analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung benannt.