Zu einem popmusikalischen Großereignis ist es am Sonnabend auf der Berliner Waldbühne gekommen; dort gab die erfolgreichste deutschsprachige Sängerin der vergangenen zwei Jahrzehnte, Andrea Berg, ihr erstes Deutschlandkonzert in diesem Jahr außerhalb ihres Heimatorts Aspach bei Backnang. Bei dieser Gelegenheit stellte sie ihr aktuelles Album Mosaik vor, das nach seinem Erscheinen im Frühjahr mehrere Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Hitparaden rangierte. Das Konzert war mit 20.000 Zuschauern und Zuschauerinnen fast ausverkauft, und wer kurz vor Beginn den Weg von der S-Bahn bis zur Waldbühne abschritt, kam an Unmengen leerer Piccolosekt-Flaschen vorbei, entsprechend angenehm angeheitert wirkte das Publikum bei der Ankunft im dürrebedingt äußerst staubigen Kessel des Waldbühnenpublikumsrunds.

Auf die Bühne kommt Andrea Berg in einem Kleid in den Farben Blau, Blasslila und Gelb, dazu trägt sie pinkfarbene Gladiatorinnensandalen, die bis zur Hälfte ihrer Oberschenkel reichen. Flankiert von einem multikulturellen Ensemble aus Tänzerinnen und Tänzern in Kostümen mit den gleichen Farben, steht sie auf einem hohen Podest und bietet zunächst ein Stück ihres neuen Albums dar, Lass uns keine Zeit verliern; es handelt davon, dass Andrea Berg schon so lang auf den Moment gewartet hat, in dem "der Himmel brennt", nun, da es soweit ist, möchte sie mit einem unerwartet in ihr Leben getretenen Mann "in den Sternenregen tanzen". Das zweite Stück trägt den Titel Nicht irgendwann und stammt von ihrem 2013 erschienenen Album Atlantis; es bearbeitet ein ähnliches Themenfeld: "Ich bin allein unterwegs / Du fragst nur so: Wie gehts?", schildert sie die Begegnung mit einem unerwartet in ihr Leben tretenden Mann, um im Refrain dann zu der Schlussfolgerung zu gelangen: "Nicht irgendwann / heut fängt das Leben an."

Mit der Freude, die einer Frau ein unerwartet in ihr Leben tretender Mann zu bereiten vermag, ist ein wesentlicher Motivkreis des Berg’schen Schaffens benannt. Der zweite Motivkreis klingt im dritten Stück des Abends an, es trägt den Titel Jung, verliebt und frei und handelt von dem Erkalten der Liebe zu einem einstmals begehrten Mann, "wo sind all die Schmetterlinge hin / ich weiß nicht, warum ich so traurig bin", fragt die Sängerin sich. Wobei der melancholische Duktus dieses Lieds dadurch gebrochen wird, dass das multikulturelle Ensemble, das Berg begleitet, dazu in eine hypernervöse Choreografie verfällt; die Tänzer werfen die Tänzerinnen in die Luft und fangen sie in rhythmisch manchmal etwas nachlässig wirkender Form wieder auf; da es doppelt so viele Tänzerinnen wie Tänzer gibt, haben letztere auch doppelt so viel zu tun.

Jeden Tag solle man spüren, und so weiter

Der dritte und letzte zentrale Motivkreis, der die Lieder von Andrea Berg und mithin auch den Abend in der Waldbühne strukturiert, wird in dem folgenden Stück Ich sterbe nicht nochmal von dem 2001 erschienenen Album Wo liegt das Paradies? angesprochen; darin geht es darum, dass ein unerwartet in das Leben einer Frau getretener Mann ebenso unerwartet aus diesem Leben wieder verschwindet und um die Tatsache, dass es sich um diesen Mann nicht zu trauern lohnt, weil an der nächsten Ecke ja schon wieder der nächste wartet. "Wohin Du gehst, ist mir egal / ich schaffs auch ohne Dich", singt Andrea Berg in Ich sterbe nicht nochmal, um direkt danach das Stück Wenn Du mich willst (dann küss mich doch) aus dem Album Zwischen Himmel und Erde von 2009 darzubieten, in dem sie einen unerwartet in ihr Leben getretenen Mann dazu auffordert, sie endlich zu küssen, bevor er zu betrunken ist, um mit ihr noch eine ordentliche "Liebesnacht" hinzulegen; es spricht also eine gewisse Lebenserfahrung aus ihrer Musik.

Nach dem Ende von Wenn Du mich willst (dann küss mich doch) werden die Zuschauerinnen und Zuschauer von Andrea Berg dazu aufgefordert, einander zu küssen, was viele von ihnen auch gehorsam tun; dazu schießen Konfettikanonen rote, herzförmige Papierschnipsel ins Publikum hinein. Eines der roten Herzen fällt einem jungen Mann mit buschigem Bart und Männerdutt in seinen Bierbecher. Er zupft es mit einer nonchalanten Geste heraus, geht auf die Knie und bietet seiner neben ihm stehenden Freundin das biergetränkte Herz dar, das diese gerne entgegennimmt. Eine ausgesprochen romantische Geste.

Zu dem darauf folgenden Stück Die Gefühle haben Schweigepflicht – ebenfalls aus dem 2009er Werk Zwischen Himmel und Erde – beginnen die mittlerweile offenbar hinreichend romantisierten Paare, im Rund vor der Bühne Discofox zu tanzen, während Andrea Berg dieses Treiben von oben dadurch dirigiert, dass sie zum Beat der Musik beide Arme mit nach vorne geöffneten Handflächen nach oben reißt und dazu mit angespannten Wangenmuskeln ihren Mund zu einem O formt. Was zu den zärtlichen Szenen im Publikum einen interessanten dominanzsexuellen, vielleicht könnte man auch sagen, koitusimperativischen Kontrast erzeugt. Das nächste Lied Mosaik – Titelstück des neuen Albums – kommt dann auf den mehrfach beschworenen Umstand zurück, dass man "jeden Tag das Leben spüren soll".