Vor der Bühne explodieren deshalb bunte Buffbomben, während über Andrea Berg schwebende Dreiecke im Windows-95-Design projiziert werden. "In jedem Sternenmeer seh ich ein Mosaik", heißt es im Refrain; es könnte sich mithin um ein Drogenlied handeln. Die enthusiasmierten Paare tanzen auch dazu immer noch Discofox und wirbeln im Zuge dieser Beschäftigung, weil der Boden der Waldbühne, wie schon erwähnt, wegen der Hochsommerdürre so trocken ist, eine Menge Staub auf, der sich allmählich über die Körper legt. Oder anders gesagt: Je zärtlicher sich die Menschen im Andrea-Berg-Konzerts zueinander verhalten, desto schmutziger werden sie auch – Dialektik der Sexualität.

Nach genau einer Stunde geht die Künstlerin mit ihrem Ensemble in eine fünfzehnminütige Pause, daraufhin kommt es zu einem faszinierenden Bild: In dem Moment, in dem sie von der Bühne verschwindet, greifen alle Zuhörer und Zuhörerinnen gleichzeitig zu ihren Zigarettenschachteln und zünden sich eine an; höchst unwahrscheinlich, dass bei einem Konzert jemals so viele rauchende Menschen beobachtet wurden. Insbesondere sind es auch sehr viele ältere Frauen, die rauchen, was natürlich von allem das Tollste ist.

In der zweiten Hälfte des Konzerts wird der etablierte Themenzyklus aus Verlieben, Entlieben und Verlassenwerden (bei jeweils selbstbewusstem Umgang mit dem Verlassensein) von Andrea Berg dadurch variiert, dass sie die entsprechenden Motive mit Weltraum- und Raumfahrtmotiven paart; die Affinität zur Science Fiction ist eine Disposition, die mir bei der Deutung des Berg’schen Schaffens bislang noch zu wenig gewürdigt scheint. Jedenfalls hat sie inzwischen ein futuristisches weiß-glitzerndes Minikleid angezogen mit einer ziggystardustartig auszackenden Schulterapplikation und einer pentagonförmigen Aussparung über dem Dekolleté.

Die stolze Umarmung des Jetzt

Das erste Stück ist Ich schieß Dich auf den Mond von dem 2011 erschienenen Album Abenteuer. Doch während sie einen untreu gewordenen Geliebten darin noch ins Weltall zu expedieren verspricht, fliegt sie demselben im folgenden Stück Ich flieg mit Dir fort mit dem nächsten Mann bereits wieder hinterher: "Flieg mit mir zum Mond / mal schauen, wer da so wohnt." In dem Stück Hallo Houston vom neuen Mosaik-Album verspricht sie sich von der dortigen "Ground Control" sogar kommunikative Hilfe bei der Lösung von Beziehungsproblemen, dazu treiben in den Videoprojektionen über die Bühne die Sterne und Galaxien in Warp-Geschwindigkeit davon.

Oder anders gesagt: Die lyrische Bearbeitung des Themas der Zeit, die sich durch das gesamte Berg-Schaffen zieht – der plötzliche Moment des Verliebtseins, das allmähliche Erschlaffen der vergänglichen Liebe, die stolze Umarmung des Jetzt ("Carpe diem") nach dem Verlassenwerden –, wird in der zweiten Hälfte des Auftritts ins Transzendental-Kosmische geweitet.

Inzwischen hat sich auch die Musik aus der eher pophaft balladesk geprägten Tonalität des Konzertbeginns (sogar mit gelegentlichen Gitarrensoli) in den bei modernen Genrefreunden und -freundinnen immer noch beliebten Neunzigerjahre-Bumsschlagermodus mit seinen im Gehirn leicht metallisch nachflirrenden Billigsynthstreicherfanfaren voranbewegt. Dazu imitieren immer mehr enthemmte Menschen die Berg-typischen Jetzt-aber-Koitus-Handbewegungen; und es möchten sich nun auch viele von jenen bewegen, die allein oder mit Freundinnen und Freunden, aber jedenfalls auf der Suche nach einem unerwartet in ihr Leben tretenden Partner zu diesem Konzert gekommen sind. "Jetzt wollen wir aber wirklich alle Discofox tanzen!", ruft Andrea Berg noch einmal ins Publikum; woraufhin etwa eine Frau spontan aus ihrer Freundinnenclique ausschert und für die Dauer dieses Stücks einen schwulen Mann mit Glatze und Bart aus seiner Gruppe auf die Tanzfläche holt.

"Es muss ja nicht für immer sein", singt Andrea Berg nun, und das ist in der Tat ein sehr schöner Moment.