Es ist schon unfair, dass die Eröffnungspremiere der diesjährigen Bayreuther Festspiele jetzt in die Musiktheatergeschichte eingeht als der Abend, an dem der Dirigent Valery Gergiev sein Bayreuth-Debüt versiebt hat. Dass Lise Davidsen fantastisch gesungen und Tobias Kratzer leichtfüßig und klug inszeniert hat, tritt leider in den Hintergrund. Aber so ist es eben. Wenn das Opernleben eines nicht ist, dann fair.

Dabei gibt es in Kratzers Tannhäuser-Inszenierung durchaus ein paar ikonische Momente. Gleich am Anfang etwa, wenn Tannhäuser im Clownskostüm mit Venus, Oskar Matzerath (Kratzer hat ihn kurzerhand aus der Blechtrommel in seine Handlung implantiert) und einer Dragqueen im französischen Kleinbus von Marina Abramović als revolutionäre Zelle durch den Thüringer Wald heizen. Oder später, als ein Nachbau des Festspielhauses auf der Bühne steht, zu dem echte Festspielgäste pilgern. Oder das Schlussbild, das zwei verschiedene Enden gleichzeitig erzählt: Während Tannhäuser live die tote Elisabeth betrauert, düsen sie per Videoeinspielung zusammen in den Sonnenuntergang. Es sind großartige Bilder, aber vorher müssen wir leider über die Musik sprechen.

Es hat so gut begonnen. Die ersten Ouvertürentakte nimmt Gergiev in flotter Schrittgeschwindigkeit, in Takt 17 bäumt sich das Orchester auf zu einem Höhepunkt – und das war's. Der Enthusiasmus nimmt spürbar ab, bisweilen stachelt Gergiev die Musiker noch zu kleineren Kraftausbrüchen an, irrlichtert sonst aber eher durch die Noten. Im zweiten Aufzug schrammt die Aufführung mehrere Male an der Totalhavarie entlang, sodass man erleichtert feststellen muss: Gut, dass hier Sänger und Musiker einer Güteklasse zugange sind, die so eine Aufführung notfalls auch allein zu Ende bringen können. Wie schade aber, dass das tatsächlich nötig ist.

Gergiev gilt als Genie, das ist der Grund, weshalb er ungeachtet seiner nicht lupenreinen Reputation – auch sie wird noch eine Rolle spielen – international einer der gefragtesten Dirigenten ist. Es ist nicht seine Zuverlässigkeit, derentwegen er hoch gehandelt wird, sondern die Chance auf einen der entrückten, überirdischen Momente, die ihm dann und wann gelingen. Dieser Abend bot das Gegenteil.

Der Tannhäuser ist in klaren Konturen komponiert, das unterscheidet ihn von allen anderen Wagneropern. Es ist also sofort hörbar, wenn die Musiker nicht exakt zusammen spielen und singen. Unter Gergievs Leitung klingt das Ergebnis über weite Strecken unpräzise und verwaschen, nicht gestaltet, sondern eher unsicher dahingemurmelt. Angesichts dessen, was das Bayreuther Festspielhausorchester kann und – wenn er will – auch Gergiev, ist das enttäuschend. Aus dem fünfzehnköpfigen Ensemble ragen dennoch die Sänger der Hauptpartien heraus: Lise Davidsen als Elisabeth, Elena Zhidkova als Venus und Stephen Gould als Tannhäuser. Den Landgrafen singt Stephen Milling, Markus Eiche ist Wolfram von Eschenbach.

Der russische Dirigent Valery Gergiev © Andreas Gebert/​dpa

Wie er denn damit umgegangen sei, dass Gergiev kaum je persönlich an den Proben teilgenommen habe, war der Regisseur Tobias Kratzer während der Pressekonferenz am Vortag gefragt worden. Der sagte sinngemäß: Ach, kein Problem. Die Festspielleiterin Katharina Wagner versicherte dann noch, Gergiev habe in Bayreuth durchaus alle vertraglich vereinbarten Proben absolviert. Wie viele das waren, ließ sie sehr diplomatisch offen. Wenn es stimmt, was auf den Fluren zu hören ist, war es ungefähr jeder Akt einmal, bei zweien soll er sich gravierend verspätet haben. Gergiev dirigiert parallel eine Frau ohne Schatten in Verbier, Simon Boccanegra in Salzburg, absolviert eine kleine Japantour sowie weitere Konzerte. Eine geniale Aufführung hätte den Stress der Probenphase natürlich vollkommen irrelevant werden lassen. Da zur Genialität nun aber doch ein ganzes Stück fehlte, kann man sich schon fragen, warum das Engagement überhaupt zustande gekommen sein mag; es muss ja schließlich niemand in Bayreuth dirigieren, wenn er nicht will.

Kratzer fügte dann noch im Scherz hinzu, auch er habe selbstverständlich alle vertraglich vereinbarten Proben absolviert. Seinen Ehrgeiz merkt man, auf gute Art, seiner Arbeit in beinahe jeder Szene an. Aus der Tannhäuser-Handlung – die immer komplizierter wird, je eingehender man sich mit ihr befasst – macht Kratzer ein Opern-Roadmovie: packend, spannend und ziemlich lustig. Man will in jedem Moment wissen, wie es weitergeht, man hofft, dass die Handlung nicht – wie leider die Musik – plötzlich wegrutscht.