Berlin, 39 Grad. Hinter dem unscheinbaren Gebäude liegt der Garten der Verheißung auf ein besseres Leben. Gleich zwei tolle Produzenten und DJs sollen an diesem Sonntag hintereinander im Club About Blank auflegen. Erst Moodymann aus Detroit, im Pass steht Kenny Dixon Jr., und danach David Moufang alias Move D aus Heidelberg. Beide sind um die 50. Doch ihre offene Spielart von Deep House zieht nicht nur Gleichaltrige an. Das Publikum vor dem Club ist viel jünger als zum Beispiel bei Foreigner oder den Beach Boys. Deep House altert gut.

"In England fällt der Altersunterschied noch viel mehr auf", erzählt Move D, "da könnten meine Promoter bald meine Enkel sein. Manchmal passiert es, dass ich mit denen an einem Schaufenster vorbeigehe und kurz denke: Wer ist der Alte in der Spiegelung? Ach so, das bin ja ich." Moufang spricht nicht besonders schnell, er ist frei von der Unrast, die ältere Männer ereilt, auch im Nachtleben. Geduldig wartet er auf seinen Auftritt.

Doch was ist deep an Deep House, warum klingen die neuen Alben von Moodymann und Move D nicht nach Altsacktechno? Das Tempo ist niedriger im Deep House als im Feiertechno und liegt näher an der historischen Disco Music; die Harmonien strecken ihre Akkorde wie im Jazz, mindestens bis zur Septime, wie im Genreklassiker Can You Feel it? von Mr. Fingers/Larry Heard 1986. Neben den Drumcomputern, mit denen in den Achtzigerjahren Techno, House und auch Popstars wie Prince und Madonna die Zukunft programmierten, kehren im Deep House akustische Instrumente und Klangquellen zurück; soulige Stimmen, die auch erschöpft oder high sein dürfen. Die Musik will geschmeidig sein und schmusen, verwechselt diese Eleganz aber nicht mit Makellosigkeit und Muskelspiel. Eine gewisse Schlaffheit schadet nicht unbedingt im Deep House. Das sind gute Voraussetzungen, mit diesem Sound entspannt zu altern. Als Produzent wie als Tänzer.

Unmittelbar vor dem Club aber: leichte Anspannung, wie immer. Ich bin ein Raver Ende 40, trage hellgraues Haupthaar und spüre sie immer noch. Jeder Eintritt bedeutet eine Häutung. Man muss das Stahlmäntelchen abwerfen, das einen draußen schützt. Tanzen ist ein gutes Trainingsprogramm gegen die geistige Verengung. Neugier statt Rechthaben, Zuhören statt Reden, Offenheit für das, was anders ist man selbst. Tanzen heißt geschmeidig werden, den Körper den Beats überlassen, den Geist der Menge anvertrauen. Sich nicht so wichtig nehmen. Der Spaß beginnt da, wo die Selbstbestimmtheit aufhört. Auf der anderen Seite. Schsch, nicht reden jetzt.

Unser Autor Tobi Müller kennt Technoclubs schon länger – auch von innen. Aber nur wenn das Programm deep genug ist, lässt er die Familie an einem Sonntag allein. © Wolfgang Stahr

Bäume beschützen den Garten des About Blank vor der allergrößten Nachmittagshitze, Wassersprinkler besprühen den Dancefloor. Getränk: Radler, groß. An der Bar quatscht mich ein junger Raver an. "Moodymann, Alter, der spielt nur zwei Stunden, das muss schneller gehen mit den Getränken! ICH. MUSS. TANZEN." Er trinkt Weißbier, nicht das erste. Eine freundliche Euphorie hat ihn ergriffen. "Das schaffst du", sage ich. Und füge an: "Nach Moodymann geht es ja gleich super weiter, mit Move D!" Er antwortet: "Move D, ja, geil! Das Programm ist so geil, es ist Sonntagabend, und morgen müssen alle arbeiten, aber DAS IST EGAL!" Ich weise ihn auf die Uhrzeit hin und erkläre, dass uns der Montag noch eine Weile nicht in die Quere kommt. Aber wahrscheinlich hat er etwas eingeworfen und versucht, mit dem Bier runterzukommen, was ihm nicht gelingt und, aus seiner Sicht, alles noch viel geiler macht. Aber was soll's. Besser vom Raver lernen: tanzen, sofort.

Unter den drei- oder vierhundert Gästen sind höchstens zehn annähernd in meinem Alter, die DJs ausgenommen. Unpeinlich ist das nun doch nicht so ganz. Aber die potenzielle Lächerlichkeit gehört zum Lockerwerden dazu, etwas Mühe muss es schon kosten. Angenehm ist die Mischung von Leuten: Druffis, Gestalten aus dem Grenzbereich von Sexarbeit, viele globalisierte Neuberlinerinnen ("So how’s Cambridge?"), aber auch hippiehafte und autonome Raver. Und wie in fast jedem Club der Welt torkelt ein dürrer, breiter Italiener herum, der immer jemanden zum Reden findet. Sie alle eint der gute Geschmack, jetzt hier zu sein. Ein Geschmack, dessen Grenzen Moodymann testet. Er ist der Star des Tages, der Druide des Deep House.

Moodymann unterbricht sein Set mit Musik, die ein Europäer nie im Club spielen würde. In seinem Sound of Detroit haben Platz: ein paar Minuten der Kölner Krautrocker Can von 1972, etwas Aktuelles vom Berliner Produzenten Sascha Ring alias Apparat. Noch sind das kleine, informierte Grüße an das Gastland. Aber dann geht er immer weiter. Er spielt Why Did You Do it von Stretch, weißer britischer Discofunk von 1975. Mit The Look of Love von ABC und Johnny Come Home von den Fine Young Cannibals bleibt er in England, geht aber in die Achtzigerjahre. Einer der hippsten Underground-DJs der Welt, der einen Netzstrumpf überm Kopf trägt, wenn er vor Weißen auftritt, mixt Songs in sein Set, die wir heute aus dem Normaloradio kennen. Schöne, seltene Unentschiedenheit: ob das Stück als Witz, als Provokation sogar gemeint sein könnte, oder nicht doch genau das Richtige ist in diesem Moment. Die hohe Kunst des Auflegens von Moodymann besteht weniger in der technischen Fertigkeit seiner Mixe als in diesem angstfreien Spiel mit dem Publikum.

Move D wartet noch immer auf sein Set, etwas versteckt hinter dem DJ-Häuschen unterm Baum, am Rauchen. Eigentlich wäre er seit einer Stunde dran, doch Moodymann will einfach nicht aufhören. Zu groß sein Spaß, und zu groß vielleicht die Ehrfurcht der Veranstalter, den Star daran zu erinnern, dass noch jemand anderes auf dem Programm steht.

Auch Move D produziert stilistisch vergleichsweise breit und legt auch so auf: Techno, Disco, House, Kraut. Das ist leider nicht die Regel im Nachtleben. Meist heißt es: nur nichts falsch machen, bloß nicht abweichen von der eigenen Marke. Das Resultat ist selbst in guten Clubs oft kolossale Langeweile, ein maximal enger Musikkorridor, der sich nicht von der geistigen Verengung unterscheidet, vor der man doch hier eigentlich Zuflucht sucht.