Ezhel ist derzeit der bekannteste Rapper in der Türkei. Gerade ist er auf Europatour. Wir trafen ihn in Mannheim vor seinem Auftritt. Inzwischen wurden weitere Tourtermine für Oktober und November bekannt gegeben.

ZEIT ONLINE: Die bisherigen Konzerte Ihrer Europatour waren ausverkauft. Sie haben viele Fans in Deutschland. Wie unterscheidet sich der Rap hier vom Rap in der Türkei

Ezhel: Die Narrative unterscheiden sich, weil die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen in der Türkei und in Deutschland verschieden sind. Deutschrap ist, was die Beats angeht, internationaler als der Rap in der Türkei – wo er eher einen anatolischen Sound hat.

ZEIT ONLINE: Das ändert sich aber auch in Deutschland gerade. Rapper wie Mero aus Rüsselsheim oder Eno aus Wiesbaden singen in ihren Tracks auch auf Türkisch, spielen anatolische Melodien ein.

Ezhel: Richtig. Das gefällt uns sehr in der Türkei. Aber die Themen sind andere. Die Deutschtürken leiden unter einer Identitätskrise. Hier gehört man schon zu einer Randgruppe, wenn man türkischer Abstammung ist. Wenn man dann auch noch rappt, wird man noch stärker marginalisiert. Das ist allerdings auch in der Türkei so.

ZEIT ONLINE: Lange hat die elitäre säkulare Jugend in der Türkei auf die religiös und traditionell geprägte, sozial schwächere Jugend herabgesehen. Heute ist die Jugend divers, die sozioökonomischen Verhältnisse haben sich geändert. Nicht nur der kurdische Sänger Ahmet Kaya ist populär geworden, auch der Rap geht diesen Weg. 

Ezhel: Ja, so langsam ändert sich etwas. Leider mag unser Volk es nicht, vielfältig zu sein. Aber ich habe große Hoffnung in die heutige Jugend. Wir leben in einer Zeit, in der wir technisch vernetzt sind und jeder selbst die Chance hat, sich selbst weiterzuentwickeln. Diese dunkle Ära der Türkei wird vorbeigehen. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Wir haben schon an der Freiheit, an Menschenrechten, an Frauenrechten geschmeckt. Ja, es gibt eine starke dunkle Masse. Aber ich glaube, dass wir eine aufgeklärtere Türkei erleben werden.

ZEIT ONLINE: Sie haben vorigen Sommer knapp vier Wochen in Haft verbracht – unter dem Vorwurf ...

Ezhel: … mit meiner Musik zum Drogenkonsum zu verleiten. Viele Menschen im Land haben das unabhängig von ihren politischen Haltungen als Ungerechtigkeit erkannt. Ich mache weiter. Meine Kunst ist meine Ehre.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Ezhel: Es ist kein patriarchalisches Verständnis von Ehre. Das hat etwas mit meinem Selbstwertgefühl zu tun. Rap ist aus der Rebellion gegen Unterdrückung entstanden. Deshalb kann nur ich selbst mich davon abhalten, Musik zu machen.

ZEIT ONLINE: Hatte Ihre Verhaftung politische Gründe?

Ezhel: Das weiß ich nicht. Ich bin keiner Partei verbunden. Ich spreche über Cannabiskonsum, der in vielen Teilen der Welt legal ist. Wenn ich sagen würde, dass wissenschaftlich bewiesen wurde, dass Cannabis Krebszellen tötet, würde ich nach jenem Gesetz auch zum Drogenkonsum verleiten.

ZEIT ONLINE: Hat die türkische Politik in Ihrer Musik ein Medium gesehen, das zensiert werden muss?

Ezhel: Sie haben bemerkt, dass dank Rapmusik viele Leute einfach sagen können, was sie wollen, und sind durchgedreht. Aber wenn Rap missbraucht wird, dann werden die Menschen schon darauf reagieren.