Er war einer der größten Musiker Brasiliens, ja der Welt. Und ein Rätsel bis zum Ende. So viele Legenden ranken sich um João Gilberto und seine schwerelosen Lieder, dessen bekanntestes Garota de Ipanema aus der Feder von Antônio Carlos "Tom" Jobim ist, The Girl from Ipanema. Gilberto war zusammen mit Jobim der Vater eines ganzen Genres, der Bossa Nova – der Neuen Welle. Ende der 1950er Jahre warfen die beiden Samba und Cool Jazz zusammen und schufen den Soundtrack für die Strandbohème Rio de Janeiros. Es wurde der Soundtrack ganz Brasiliens.

Aber nie wusste man, wer dieser João Gilberto eigentlich ist. Jahrelang lebte er zurückgezogen in Rio de Janeiro. Dass er nur nachts wach sein soll, hieß es, oder dass er irre geworden sei und in seiner Wohnung hocke und rund um die Uhr Gitarre spiele, immer die gleichen Lieder. Über das Phänomen hat der deutsche Journalist Marc Fischer 2011 das wunderbare Buch Hobala – Auf der Suche nach João Gilberto geschrieben. "Ich bin auf der Suche nach dem Herz der Bossa Nova, die das Herz der Schönheit ist", schreibt Fischer darin ganz zu Beginn. Die Suche ist erfolglos.

Zuletzt gab es um Gilberto einen hässlichen Familienstreit zwischen seinen Kindern João Marcelo und Bebel sowie seiner letzten Ehefrau Faissol. Und so starb der Schöpfer der Schönheit unter hässlichen Umständen. Vereinsamt und hoch verschuldet, soll er nicht nur körperlich am Ende gewesen sein, sondern auch psychisch beschädigt.

Was bleibt, sind Hunderte von Liedern, die eigenen, solche, die für ihn komponiert wurden, oder die er in seine musikalische Welt holte. Sie haben das Bild Brasiliens als leichtes, immer lächelndes und taktvolles Land geprägt. Ein Bild, das heute auf brutale Weise von einem rechtsextremen Präsidenten und seiner hasserfüllten Gefolgschaft der Lüge gestraft wird.

Der Tod des 88-jährigen Gilberto, so scheint es, ist wie das Symbol für das Ende eines Brasiliens, das zwar so nie existierte, das aber doch eine Idee von sich hatte: die Idee eines toleranten und etwas gerechteren Landes, das in seiner einzigartig swingenden Musik für ein paar Takte zu sich findet. In den Bars, Samba-Clubs und spontanen Musikrunden auf den Straßen Rio de Janeiros flossen am Sonnabend viele Tränen, als Gilbertos Lieder angestimmt wurden.

Er spielt sie nicht, er streichelt sie

Die größte und bis heute unbeantwortete Frage zu Gilberto lautet: Wie hat er das hingekriegt? Diesen Sound, dieses Gitarrenspiel, diesen Gesang, diese Magie?

Es muss zwischen den Jahren 1955 und 1957 gewesen sein, als João Gilberto aus Rio verschwindet. Er versucht sich dort als Musiker, fällt aber mehr durch seinen bemerkenswerten Marihuanakonsum auf. Er kehrt zu seinen Eltern im Bundesstaat Bahia zurück, schließt sich sechs Monate im Haus seiner Schwester ein und legt die Akustikgitarre nicht mehr weg, soll sogar mit ihr im Arm schlafen.

Als er wieder nach Rio kommt, ist er ein anderer Mann, ein anderer Künstler. Er spielt seine Gitarre nicht mehr, er streichelt sie – die Noten schweben wie Champagnerperlen aus ihr heraus. Gilberto singt auch nicht mehr. Er flüstert, so wie man ein Kind sanft in den Schlaf wiegt. Stimme und Gitarre gehen eine totale Symbiose ein, sind fast wie ein neues Instrument. Nicht umsonst heißen Best-of-Alben von Gilberto denn auch: Die warme Welt des João Gilberto.

1958 nimmt er gemeinsam mit dem Komponisten und Sänger Antônio Carlos Jobim das epochale Album Chega de Saudade auf, das als Geburtsstunde des Bossa Nova gilt, die Texte stammen von dem Poeten und Komponisten Vinicius de Moraes. Es verändert die DNA der brasilianischen Musik für immer. Manche behaupten sogar, mit dem Bossa Nova habe sich Brasilien neu erfunden. João Gilberto wird zum "Leuchtturm" der modernen brasilianischen Musik. An ihm orientieren sich die heutigen Weltstars Caetano Veloso, Gilberto Gil und Chico Buarque.