Eleanor Rigby ist ein verdammtes Biest. Jeder Gitarrenschüler, der das große Beatles-Songbook vor sich hat, erlebt mit ihr seinen ersten Lennon-McCartney-Moment. Ist doch easy, immer bloß C-Dur und e-Moll im Wechsel, die Melodie kennt man ja. Aber der Strophentext, diese wortreichen Miniaturen über besagte Eleanor und den Pastor McKenzie, die brauchen schon eine Weile, bis man sie draufhat. Wedding, rice, window, door, socks, sermon, night, church, grave

Auch Jack Malik im Kinofilm Yesterday hat seine Probleme damit. Dabei ist er der Einzige, der sich überhaupt an die Beatles erinnert. Er hatte einen Fahrradunfall, ist auf dem Kopf gelandet, und als er aufwachte, waren John, Paul, George und Ringo aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt gelöscht. Keine Platten, keine Notenbücher, keine Google-Einträge. Eleanor wer?

Was für eine großartige Exposition für eine romantische Musikkomödie. Der unprätentiös besetzte Film erzählt die Geschichte des erfolglosen Sängers Jack (Himesh Patel), der über Nacht mit einer Art Superkraft versehen wurde: Er verfügt über das kollektive Popgedächtnis. Und wenn keiner weiß, dass all diese Beatles-Songs nicht seine sind, kann er ja auch so tun, als wären sie es.

"Yesterday, all my troubles seemed …" – erster Kommentar seines Kumpels: bisschen schnulzig, aber schön. Seinen Eltern spielt er Let it Be am Klavier vor, sie sind wenig beeindruckt. I wanna hold your hand lockt niemanden hinterm Ofen hervor. Aber plötzlich wird Jack, der Kuckuck, entdeckt. Ausgerechnet Ed Sheeran (gespielt von Ed Sheeran) nimmt ihn unter seine Fittiche, der erfolgreichste Pop-Hobbit aller Zeiten, die Hassfigur aller Coolen.

Die wahrhaft Coolen, das zeigt sich nicht nur in dieser hinterträchtigen, doppelbödigen Pointe, sind hier wohl der Drehbuchautor Richard Curtis und sein Regisseur Danny Boyle. Aber es wäre natürlich kein Skript von Curtis (Notting Hill, Bridget Jones, Vier Hochzeiten und ein Todesfall), wenn es in Yesterday nicht auch um ein gewöhnliches Kriegen-sie-sich-Spiel ginge, eine Gänseblümchenromanze, zart, aber auch sehr egal. Und es wäre kein Film von Boyle (Slumdog Millionaire, Sunshine, 28 Days Later, Trainspotting), stellte er nicht die große Was-wäre-wenn-Frage in einem beschaulichen britischen Städtchen wie Gorleston-on-Sea.

Also: Was wäre, wenn es die Beatles nicht gegeben hätte? Ähm, ups, Ende der Popgeschichte, und Ed Sheeran wäre nie geboren worden. Besser: Was wäre, wenn wir heute die Beatles noch mal neu hören könnten? Ohne jegliche Vorprägung, ohne Wissen um Pilzköpfe, kreischende Teenies, Maharishi-Joints, Zebrastreifen und Erdbeerfelder? Kann man einen perfekten Popsong in seiner Substanz erkennen, oder ist er immer die Summe von Musik, Person, Image und Zeitgeist? Überraschung: Musikwissenschaftler und Poptheoretiker streiten darüber seit Jahrzehnten.

Wem gehört Musik, die jeder kennt?

Oder: Was, wenn die Beatles Newcomer von heute wären? Müssten sie noch durch Liverpooler und Hamburger Kaschemmen tingeln oder würden fünf Talkshowauftritte plus ordentlicher Social-Media-Arbeit ausreichen, um die Welt zu erobern? Ganz klar, so bringt es der Chef von Universal Records unserem Filmhelden bei, kann er sich einen Albumtitel wie Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band abschminken. Wer soll sich das denn merken! The White Album? Auf keinen Fall, diversity issues! Wegen all der Bezüge auf Songtitel und -texte sei es übrigens empfohlen, den Film im englischen Original zu schauen.

Dank seiner diabolischen Managerin wird Jack Malik innerhalb weniger Wochen zum Superstar mit Songs, die ihm nicht gehören. Noch so eine Frage, die Yesterday ganz nebenbei aufbringt: Wem gehört eigentlich Musik, die jeder kennt? Die zehn Jahre währende Verweigerung der noch lebenden Beatles gegenüber Apples iTunes kommentiert der Film mit einer simplen Maßnahme: Jack stellt einfach alle Songs frei zugänglich ins Netz.

Überhaupt ist Yesterday durchwoben von kleinen Spitzen auf das Musikgeschäft und dessen Protagonisten. Ist es wirklich ein Zufall, dass Jacks trotteliger Roadie aussieht wie Brian Burton alias DJ Danger Mouse, der 2004 mit Jay-Z das phänomenale, illegale Beatles-Mash-Up The Grey Album veröffentlicht hat? Und was hat es zu bedeuten, dass die Welt nicht nur die Beatles vergessen hat, sondern auch noch Coca-Cola, Harry Potter, Zigaretten und – ja, Oasis? Ist das ein fieser Trick der Popgeschichte, um Blur und die Rolling Stones doch endlich zu den besten Britpopbands aller Zeiten erklären zu können? Das wäre ja so wie: Wir nehmen euch Käsemakkaroni, die Buchstabennudeln könnt ihr behalten.

All diese Rätsel lässt der Film aufsteigen wie Luftblasen eines lächelnden gelben Unterseeboots, denen man gern hinterhertaucht. Das Ob-La-Di, Ob-La-Da der Liebesgeschichte zwischen Jack Malik und seiner Jugendfreundin Ellie ist da lediglich publikumstaugliche Kulisse. Bleibt am Ende nur noch eins: Was würde John Lennon dazu sagen? Natürlich hat dieser filmische Schädel-Hirn-Traum eines gescheiterten Singer-Songwriters ausgerechnet auf die Frage aller Fragen eine Antwort.

"Yesterday" läuft vom 11. Juli an im Kino.