Unzählige Male ist er schon mit Wotan verglichen worden, dem alternden Gott aus dem Ring des Nibelungen, der aus Machtgier und Starrsinn den Untergang der Welt in Kauf nimmt. Das Schlussbild der Ausstellung zu seinen Ehren wäre sogar geeignet zu beweisen, dass er, Wolfgang Wagner, wirklich Wotan ist. Da steht er, 75-jährig, mit schlohweißem Haar und mürrisch-weltmännischem Blick vor einem monumentalen Baumstamm, das Gesicht so zerfurcht wie die Borke, und er wirkt nicht nur, als wollte er ewig leben, sondern als wäre das auch schon ausgemacht.

Das Bild ist ein Porträt des Fotografen Stefan Moses, der berühmt ist für seine Aufnahmen von Thomas Mann, Erich Kästner, Max Frisch und Theodor Adorno; das Porträt (und noch ein paar weitere) von Wolfgang Wagner haben die Kuratoren zufällig in Moses' Nachlass entdeckt.

Ursprünglich hätte das Bild am Eingang hängen sollen, auch ein anderer Titel für die Ausstellung im Bayreuther Wagnermuseum war geplant – ein Satz, mit dem Wolfgang Wagner dem Sänger Theo Adam einmal im fränkischen Dialekt erklärt haben soll, wie er Wotan zu spielen habe: "A weng göttlich." Die Heiligsprechung von Richard Wagners Enkel erschien den Ausstellungsmachern dann aber doch zu heikel. Die Schau trägt jetzt den unauffälligeren Namen Der Prinzipal, und weil die Stellwand mit dem vorherigen Titel zum Wegschmeißen zu schade war, steht sie jetzt eben am Ende. Anders hätte das der Pragmatiker Wolfgang Wagner auch nicht gemacht.

Aus dem ewigen Leben wurde dann doch nichts. Wolfgang Wagner starb 2010 mit 90 Jahren, fast 60 Jahre lang hatte er zuvor die Bayreuther Festspiele geleitet – geht man von der Zahl der Festspielzeiten aus, länger als alle seine Vorgänger zusammen. Ende August jährt sich nun sein Geburtstag zum 100. Mal. Und in Bayreuth, der Stadt, die zugleich seine Wirkungsstätte wie Heimatstadt war, sieht man sich vor die Aufgabe gestellt, seine Verdienste angemessen zu würdigen. Ein Unterfangen, das schwieriger ist, als es auf den ersten Blick erscheint.

Wolfgang Wagner war mit den Festspielen weitaus enger verwachsen als sein Großvater, ihr Gründer Richard Wagner selbst. Unter Richard brauchte das Unternehmen sechs Jahre, um sich von der finanziell ruinösen ersten Festspielzeit 1876 zu erholen, nach der zweiten 1882 starb der Komponist, und es klingt viel kleiner und banaler, als es angemessen wäre, wenn man sagt: Unter Wolfgang Wagners Leitung gingen die Festspiele wenigstens nicht pleite. Ein so abenteuerlich strukturierter Opernbetrieb, der – bei immensen Kosten – nur sechs Wochen jährlich läuft, ist gar nicht leicht zu organisieren. Künstlerische Fehlgriffe gab es unter Wolfgang wie in jedem anderen Theater durchaus. Über die Häufigkeit lässt sich streiten – bloß: Bayreuth hat nicht die Absicht, das zu tun. Das Licht, mit dem die Ära Wolfgang Wagners beleuchtet wird, kann hier gerade gar nicht golden genug sein.

Der Prinzipal ist die größte und teuerste Ausstellung in der Geschichte des Wagnermuseums, was wohl auch daran liegt, dass die Budgets der bisherigen Ausstellungen verschwindend gering waren. Die Schau protzt also nicht, und auch ihr Anspruch ist bescheiden: eine erste Annäherung, das muss reichen. Dass Wolfgang Wagner nicht nur der dienstälteste Intendant der Welt, sondern, unter dem Schleier der Beständigkeit, auch einer der umstrittensten des 20. Jahrhunderts war – dieses Wissen müssen die Besucher schon selbst mitbringen. Hier wird ein anderer Wolfgang präsentiert: der etwas verschrobene, aber doch gutmütige Theateronkel. Und ein Weltwunder der Kontinuität.

Der Museumsdirektor Sven Friedrich räumt freimütig ein, dass es bei der Konzeption der Ausstellung ein Distanzproblem gegeben habe: Im Gegensatz zum 1966 gestorbenen Wieland sei Wolfgang noch kein historischer Gegenstand, was für die notwendige Objektivierung hilfreich gewesen wäre. Im Rahmen der Ausstellung findet ein prominent besetztes Symposium statt, allerdings nahezu ohne Wissenschaftler, vor allem mit Sängern, Künstlern und ehemaligen Mitarbeitern. "Es wird eher ein gemeinsames Erinnern sein", sagt Friedrich. "Wolfgang Wagner entzieht sich ja schon seiner Natur nach einem akademisch-wissenschaftlichen Zugriff." Eine interessante These, die jedoch leicht erklärbar ist: Sven Friedrich selbst ist, vor vielen Jahrzehnten, zwar nicht von Wolfgang persönlich, eingestellt worden – gegen seinen Willen wäre das aber nicht gegangen. Wolfgangs Geschichte ist, zu einem kleinen Teil, auch seine eigene. Die Verantwortung für die Schau an eine unbefangene Person übertragen wollte man dann aber doch nicht, in Bayreuth macht man so was lieber selbst. 

Man könnte an der Person Wolfgang Wagner ohne Weiteres das Faszinosum der Bayreuther Festspiele an sich zu erklären versuchen, man könnte auch die Frage erörtern, ob er die einst von Cosima vertretene These nun stützt oder doch widerlegt, dass Richards Genie vererbbar war. Es entsteht aber eher der Eindruck, als seien hier die wesentlichen Fragen – wie schaffte er es auf den Thron und wie, sich so lange zu behaupten und zu welchem Preis – mit voller Absicht nicht gestellt worden. Die unreflektierte Anbetung des Enkels ist allerdings ebenso ungerechtfertigt wie die des Großvaters.