Justin Vernon kann sich nicht mehr an einem G-Akkord aufgeilen. Diese Fähigkeit habe er verloren, sagte der Sänger und maßgebliche Songwriter von Bon Iver einmal – verloren irgendwo zwischen den Veranda-Jams im Wisconsin seiner Jugend und den Softdrinksponsorkonzerten, die er heute im Rest der Welt spielt. Die letzte bedeutsame Folkband der Nullerjahre ist deshalb zur ersten bedeutsamen Folkverfremdungsband der Zehnerjahre geworden. Und Vernons einst so sinnliches Verhältnis zu Gitarre, Klavier und unverfälschtem Bekennergesang hat sich ins Masochistische verkehrt. Was den Künstler heute elektrisiert, ist die Vorstellung, einen G-Akkord in all seine denk- und undenkbaren Einzelteile zu zerlegen.

Nicht viele hatten Vernon als Zerstörer auf dem Zettel, aber dann kam der Herbst 2016 und mit ihm 22, A Million, das dritte Album seines einstigen Soloprojekts Bon Iver. Unter Zuhilfenahme zahlreicher Mitmusiker, die mehr Sparrings- als Kreativpartner waren, erfand der Künstler den Autotune-Gospel, eine porös-pornöse Version von Softrock und obendrein eine geheime Zeichensprache für die Songtitel, die an jene Seitenrandkritzeleien erinnerte, mit denen sich Gymnasiasten wie er früher die Englischstunden verschönern mussten. War nun 10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄ das Lied des Jahres oder doch 715 – CR∑∑KS? Vernon verweigerte die Erklärungsarbeit und hüllte sich weitgehend in Schweigen.

Statt zahlreicher Interviews gab es nur eine Pressekonferenz zu Hause im Städtchen Eau Claire, wo Vernon zu den guten Geistern der Gegenkultur und Kuratoren des Pop- und Anti-Pop-Festivals Eaux Claires gehört. Im Beisein der verbliebenen Weltmusikpresse ließ er bei diesem Zusammentreffen immerhin durchblicken, dass all die Übersteuerungen, Verschleierungen und Zuschüttungen der eigentlich ganz possierlichen Folksongs auf 22, A Million nicht zufällig passiert waren. Vernon wollte den Großkünstler, zu dem er sich aufgebauscht fühlte, am Boden sehen, den Schwindel um seine vermeintliche Genialität entzaubern. Die Platte, sagte er auch noch, sei für ihn so etwas wie eine Kettensägenskulptur.

Wenn das so ist, muss man sich das nun erschienene Nachfolgealbum i, i vorstellen, als tropften seine Songs durch eine leicht verstopfte Sprinkleranlage auf die verbliebenen Leidensgenossinnen und Hartgesottenen herab. Wieder klingt vieles klein- und einzelteilig, nach wie vor erfreut sich Vernon an der Verformbarkeit seines Baritons, der fast immer gedoppelt, hochgepitcht oder sonst wie verzerrt zum Einsatz kommt. Der Effekt aber ist diesmal genauso angenehm, wie man sich das vorstellt, unter einer leicht verstopften Sprinkleranlage zu stehen. Und am Ende fließt sogar ein Bild zusammen, das den Mann hinter den Songs und unter den Studioüberfrachtungen wieder erkennbar macht.

Es gibt Lieder auf i, i, in denen die Elemente eher gegen- als miteinander zu arbeiten scheinen: Im unsteten Holyfields erklingt etwa ein Bettkantenbeat, wie sie bis circa 2008 auch im oberbayrischen Weilheim populär waren, während die Streicherschnörkel Weltstadtambitionen hegen. Zum Ausklang des Stücks aber bündelt Vernon die Energien und nimmt ihren Schwung mit ins oberhymnische Hey, Ma, einen Song, der direkter aufs Herz zielt als beinahe jeder andere, den er in den vergangenen zehn Jahren geschrieben hat. Sogar ein Kohlebergwerk erwähnt Vernon im Text, als wolle er Bruce Springsteens Geist und damit den anderen großen Stirnbandträger unter den Songwritern beschwören.

i, i markiert jedoch nicht die Rückkehr des bärtig-gitarrigen Herzschmerzaushalters, den Vernon mit seinem Bon-Iver-Debüt For Emma, Forever Ago zunächst perfektioniert und auf den späteren Alben der Band dekonstruiert hat. Dieser Typ hat keine Zukunft mehr, seine Perspektive und Sinnsuche sind zu Ende erzählt. Stattdessen orientiert sich Vernon am oft paradoxen Sound seiner Nebenprojekte. Der feinstoffliche Stadionrock der Alte-Freunde-Band Volcano Choir prägt i, i ebenso wie der Störgeräusche-Soul seiner Berühmte-Freunde-Band Big Red Machine. Gastmusiker wie James Blake, die Schmalzlegende Bruce Hornsby und der Hip-Hop-Hitmaker Wheezy dürfen Sekundenbruchteile des Albums nach ihrem Kompass ausrichten.

Nicht nur der alles ordnende Übersongwriter, dem die Töne und Geschichten aus der Tiefe seiner Erfahrungen und Möglichkeiten zufliegen, gehört auf i, i der Vergangenheit an. Gleiches gilt auch für einige andere Folk-Gepflogenheiten. Trennlinien zwischen organisch und synthetisch entstandener Musik existieren nicht mehr, die Unterscheidung zwischen aufrichtig empfundener und vorgeflunkerter Gefühlsäußerung wirkt plötzlich ungeheuer altmodisch. Vernon schafft sie mit ein paar nüchternen Nachjustierungen an seinen Effektgeräten ab: Das Leben ist viel zu kompliziert geworden für die einfachen Wahrheiten, die vielleicht einmal in seinen Songs gesteckt haben.

Also fliegt es einem auf i, i in all seiner Rätselhaftigkeit, Widersprüchlichkeit und – nicht zu vergessen – auch in all seiner Schwachsinnigkeit um die Ohren. Wie gesagt: Der Mann hinter den Songs ist wiederzuerkennen, doch was man sieht, muss deshalb noch lange keinen großen Geheimsinn ergeben. Vernon gefällt sich in der Rolle des bekifften WG-Küchenphilosophen, der mit lautmalerischen Mehrdeutigkeiten und frech vorausgesetztem Insiderwissen kokettiert. Das passt in manchmal frustrierender Weise zu dem latent personenkultigen Antipersonenkult, den er um sich selbst veranstaltet. Es kann auf i, i aber auch so schön und abenteuerlich klingen, dass man glatt wieder an das Gute in einem G-Akkord glauben will.

"i, i" von Bon Iver ist erschienen bei Jagjaguwar/Cargo.