Nimmt man einmal jene Menschen ernst, die pausenlos rumerzählen, Rock sei auf der Gerontologiestation und man solle stattdessen besser diese Millennialgruppe von der britischen Kunsthochschule hören, die Gitarrenmusik so dekonstruiert hat, dass sie klingt wie ein rückwärtsgelesener Band aus der Edition Suhrkamp, so hilft vielleicht diese Nachricht: Die kalifornische Band Tool hat wieder ein Album veröffentlicht. Es heißt Fear Inoculum. Ihr voriges Album erschien vor 13 Jahren, und man muss kurz einmal daran erinnern, dass es da noch kein iPhone gab, kein Twitter und keine derart beschleunigten Verhältnisse, in denen alles Neue für alt erklärt wird, sobald es fünf Minuten lang im Gespräch war.

Die Band Tool besteht aus vier Musikern: Maynard James Keenan, Justin Chancellor, Adam Jones und Danny Carey. Seit mehr zwei Jahrzehnten werden sie dafür bewundert, klüger, besser und irgendwie sonderbarer zu sein als der Rest ihres Genres, das man nun Metal nennen kann oder Progressiverock oder wie auch immer. Falls es einen Elfenbeinturm des Metal gibt, so bewohnten Tool das Obergeschoss. Das Besondere ist bis heute, dass über die Band mit Raunen erzählt wird, von ihren ausgetüftelten Songstrukturen, von ihren unprolligen, ruppigen Gitarrenriffs, von ihrem intellektuellen Zugang zu einem oft unintellektuellen Musikstil, von den immer ausverkauften Konzerten, die sie – bis auf den Gesang – meist schweigend absolvieren und von ihrer Abneigung gegen die moderne Verwertungspraktiken der Musikindustrie.

Bis vor Kurzem war keines ihrer Alben auf einem Streamingdienst zu hören. Im Internet nur auf YouTube. Dort gibt auch etliche faszinierende Anatomiestunden einzelner Tool-Songs, mit denen man sowohl Seminare für moderne Kompositionslehre füllen könnte als auch Fortgeschrittenenkurse in Bruchrechnung: Dass in Justin Chancellors labyrinthischen Bassläufen ein Fünfachteltakt auf einen Siebenachteltakt folgt und dies einfacher zu zählen ist, wenn man einen Zwölfachteltakt draus macht oder einen Sechsvierteltakt; dass man die fünfzehn Sechzehntel leichter kapiert, wenn man sie sich als 1-2-3-4-1-2-3-4-1-2-3-4-1-2-3 aufsagt, und die Kommentare von Musikern unter diesen Videos sind oft so herzlich dankbar wie zuweilen noch immer rührend verwirrt. Und sehr wahrscheinlich fährt die Seele von Graf Zahl in jeden, sobald ein Tool-Lied beginnt, verloren klopft man auf die Knie, doch bevor der erste Erkenntnisschub einen gepackt hat, steckt die Band schon wieder woanders. 

Es ist der Schlagzeuger Danny Carey, der all die Zeitverschiebungen, Taktwurmlöcher und musikalischen Erregungskurven zusammenhält. Carey ist seit nun zwei Jahrzehnten so etwas wie der heimliche Star der Band, und natürlich findet man, je extremer und oft albern athletischer Metal seither wurde, auch extremere und albern athletischere als Carey. Allerdings nicht so viele in seinem Genre, die derart explosive, geschmackvolle und virtuos akzentuierte Grooves und Drumfills schreiben können. Auch Fear Inoculum wäre bereits eine Freude, bestünde das Album lediglich aus Danny Careys Schlagzeugspur. Das gilt aber eigentlich für alle Platten der Band. Ein Tool-Album zu hören, bedeutet auch, in eine klinische Perfektion einzutauchen, die roh und eingängig genug ist, um sich nicht wie reine mathematische Ausgefuchstheiten aus der Rockakademie anzuhören.

Tool haben ihre sehr spezielle Ästhetik geschaffen, die auf Fear Inoculum noch immer nach dem unheimlichen Dark Futurism der Neunziger klingt, nach diesen Momenten, in denen man sich fragt, ob man lieber die rote oder die blaue Pille möchte. Vielleicht ist das sogar ein wenig altbacken, wenn man sich vorstellt, dass zu den Songs doch eigentlich Keanu Reeves im Ledermantel oder Kurt Russell mit Augenklappe um die Ecke kommen müssten, in die brachiale Melancholie verlassener Maschinenräume, möglicherweise tropft es durch die Decke. Und überhaupt ist es schon bewundernswert anachronistisch, im Jahr 2019 ein Album aufzunehmen, das 80 Minuten für sieben Songs braucht, aber Zeit ist ja generell kein Argument für oder gegen etwas. Besonders, weil man sich den Spannungsbögen auf Fear Inoculum noch immer gern hingibt, der lauernden, rituellen Stimmung, die darin bisweilen herrscht, wie auf einer spiritistischen Metal-Andacht (oder wie im Wartezimmer eines sehr avantgardistischen Heilpraktikers), und weil Maynard James Keenans Stimme so viel Trauer, Wut und eigentümliche Sakralität mit sich herumträgt – an seinen Gesangsmelodien sind schon einige Vocalcoaches ehrfürchtig lachend verzweifelt. Wer weiß, vielleicht klingen Tool, wenn ihr nächstes Album in 15 Jahren erscheint, noch genauso. Solche begnadeten Epiker sind ja immer eine zeitlose Attraktion.

"Fear Inoculum" von Tool erscheint am 30. August bei RCA/Sony Music.