Die Wiener Philharmoniker entschieden sich 1997 nach hart bandagierten Kämpfen, endlich auch Frauen in ihren 150 Jahre alten "Männerverein" aufzunehmen. Es war nicht mehr länger zu verargumentieren, dass die Körperbewegung einer enthusiastischen Geigerin einfach zu aufreizend sei oder die Blasebacken einer Klarinettistin doch wirklich obszön aussähen. Zum Zeitpunkt der Revolution spielte übrigens bereits seit 26 Jahren eine Frau mit, die Harfenistin. Denn einen Mann an der Harfe kann man sich ja bei Gott nicht vorstellen! Wie sähe das denn aus, wenn der immer mit sanft schwingenden Armen zwischen seine Beine greifen müsste. Die Harfenistin ist ein engelsgleiches Geschöpf, also eine Frau. Amen.

Von engelsgleichen Geschöpfen ist wundersamerweise auch immer wieder die Rede, wenn es um kleine Jungs geht. Vor allem um Knaben und ihre Singstimmen. Über Jahrhunderte haben die größten Komponisten ein Repertoire geschaffen, das den Auflagen der – vor allem Katholischen – Kirche gehorchte: Keine Frau singt vorm Altar. Also konzentrierte man sich auf die Humanressource Jungs. Was freilich, wie jede Monokultur, Probleme mit sich brachte. Will man aus männlichen Körpern eine hohe klare Sopranstimme herauslocken, muss man sie schon mit fünf, sechs Jahren unnachgiebig trainieren, dann hoffen, dass sich das strenge Regiment auszahlt, bis sie spätestens mit 14 den Stimmbruch erleben und erst mal aussetzen müssen. Und dann muss der Nachwuchs in den Startlöchern stehen, sonst bricht der Chor zusammen. Schon Johann Sebastian Bach fand das ziemlich ungünstig, weil die Ausbildung unter Zeitdruck stattfand und aufwändig war, aber nicht so richtig nachhaltig.

Mädchen wurden seinerzeit überhaupt nicht ausgebildet, also hatte JSB keine andere Wahl. Seit dem Hochbarock hat sich aber nicht nur die Frisurenmode, sondern auch das Gesellschaftsbild ein wenig verändert. Heute klagt eine Neunjährige unter juristischem Beistand ihrer Mutter, einer Verfassungsrechtlerin, gegen den Staats- und Domchor Berlin wegen Diskriminierung: Die Aspirantin war nach einem Vorsingen abgelehnt worden. Das verletze ihren Anspruch auf gleiche Teilhabe an staatlichen Leistungen und Förderung. Ein neunjähriges Mädchen will in einen 554-jährigen Knabenchor. Ja super, darf doch jede alles werden!

Nur geht es hier nicht nur um eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit und Entfaltungsfreiheit. Es geht auch um musikalische Traditionspflege und die Freiheit der Kunst. Diese Güter gegeneinander abzuwägen, ist schon etwas verzwickt.

Wer als Pianistin Karriere machen will, braucht acht bis zehn Finger. Wer die Querflöte wählt, sollte eine geschlossene Zahnreihe haben. Und wer in einer Marching Band mitspielen will, sollte zumindest nicht bettlägerig sein. Musikmachen hat immer auch eine physische Dimension, und beim Singen ist sie präsenter als bei allen anderen Instrumenten. Mädchen und Jungen haben unterschiedliche anatomische Eigenschaften, insbesondere im Stimmapparat. Menschen, die sich gern mit Vokalmusik beschäftigen, hören den Unterschied.

Man muss sich gar nicht dazu versteigen, von himmlischen Knabenstimmen zu sprechen: Da es bis heute keine Engelsbeweise gibt, sind solche Aussagen eher ins Reich der Esoterik einzuordnen. Und man sollte auch nicht die Augen davor verschließen, dass die Kultur der, zumal klerikalen, Knabenchöre bis zuletzt unvorstellbares Unglück über die Kinder gebracht hat. Dennoch: Es gibt Regalmeter großartiger Musik, die nur für Knabenstimmen geschrieben wurde, unter Berücksichtigung ihrer körperlichen Verfasstheit. Und sie klingen anders.

Das Mädchen und seine Anwältin Mutter fordern allerdings gar nicht die Teilhabe an schönerer Musik oder dem besonderen Klang. Sie fordern Gleichberechtigung in der Qualität staatlicher Ausbildung und dem Zugang dazu. Um dieser absolut berechtigten Forderung zu entsprechen, muss kein Knabenchor mit Mädchen singen, kein Mädchenchor muss Großmütter und kein Kinderchor Erwachsene aufnehmen. Es würde in diesem Fall genügen, den staatlichen Träger des Staats- und Domchores, die Berliner Universität der Künste, dazu zu verpflichten, ihre Mädchenmannschaften ebenso gut zu trainieren und ihnen ebenso viele Auftritte zu verschaffen wie den Jungs. Und dann werden sie Weltmeisterinnen.

Das Berliner Verwaltungsgericht jedenfalls hat sich erst mal für den Klang entschieden und die Klage am Freitag zurückgewiesen. Eine Berufung ist aber zugelassen.