Am Ende ist es ein Triumph für Kirill Petrenko, der nun offiziell sein Amt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker angetreten hat. Das Publikum applaudiert stehend, der Maestro kommt noch einmal allein auf die Bühne der Philharmonie, nachdem sein umjubeltes Orchester bereits abgetreten ist. Doch einfach hat es sich der 47-jährige Russe bei seinem Einstand nicht gemacht. Die Erwartungen an den Rattle-Nachfolger waren mit jedem seiner Berliner Konzerte weiter gestiegen, sie erreichten zuletzt Regionen, die schwindelig machen können. Sogar die Musikerinnen und Musiker zeigten sich nach Auskunft von Orchestervorstand Andreas Bader vor Beginn der Ära Petrenko "gelassen euphorisch".

Für den neuen Chef kommt nur ein Werk für seinen Start in Frage: Beethovens Neunte. "Sie enthält all das, was uns Menschen auszeichnet, im Positiven wie im Negativen", erklärt Petrenko und umreißt damit auch den Kern seines Musizierens: die Suche nach tiefen Einsichten, nach einer Weite des Empfindens in der Musik. Seine unnachgiebige Genauigkeit fordert Orchester wie Zuhörer heraus.

Bevor es zum allzu oft staatstragend abgespielten Beethoven kommt, konfrontiert er sein Publikum mit Alban Bergs 1934 uraufgeführter Lulu-Suite, dem symphonischen Extrakt der unvollendeten Oper. Eine Musik, die zu schillern vermag, wie die umschwärmte und zugleich gefürchtete Titelfigur, oder aber ihre strenge Klangarchitektur nach außen kehren kann.

Petrenko erreicht hier eine Fülle des Ausdrucks, die diese Gegensätze vergessen macht. Seine Klarheit öffnet Hörgänge, führt hinab in die Tiefe, ohne die halbseidenen Aspekte des Dramas auch nur eines Blickes zu würdigen. Dabei bewegt er sich freier als bisher auf dem Podium, das nun seine künstlerische Heimat sein wird. Er tänzelt und legt sogar kleine Dirigierpausen ein. Dass er gar nicht so scheu ist wie oft aus seiner demonstrativen Scheinwerferflucht abgeleitet, wissen die Musikerinnen und Musiker längst. Ob der neue Chef, der nie aufhört, an Interpretationen zu feilen, aber auch wirklich mal die Zügel lockerlassen kann, muss sich in Zukunft noch beweisen.

Beethovens Neunte trifft nach der Lulu-Suite auf sensibilisierte, auch hungrige Hörer. Petrenko reißt mit großen Dynamiksprüngen ein Menschheitsdrama auf, das bewegt – viel Licht, noch mehr Dunkel, dazwischen die Musik wie ein Pendel, hypnotisch kreisend. Eines ist dieser Beethoven gewiss nicht: allzu leicht fassbar und vorauseilend auf eine Botschaft heruntergebrochen, die twitterfähig wäre. Aber es steckt Wagnis in diesem Musizieren, auch Zumutung. Deshalb haben sich die Berliner Philharmoniker für Kirill Petrenko entschieden und gegen allzu leichte Triumphe. Es brechen aufregende Zeiten an.