Domingo konnte stets heroisch klingen, ohne teutonisch zu dröhnen, er formt seine Gesangslinien mit Delikatesse, ohne ins Manirierte zu verfallen. Anders als bei seinem gewichtigsten Konkurrenten Pavarotti war ihm die Tenor-Tessitura nicht in die Wiege gelegt. Seine Naturstimme ist die eines hohen Baritons, jeden Ton darüber hinaus hat er sich erkämpft, hat die Fülle, die Glut seiner Mittellage kontinuierlich nach oben hin ausgeweitet. Und dann mit kopfgesteuerter Stimmbandkontrolle gesichert, dass er über Jahrzehnte unter emotionalem Hochdruck singen konnte, ohne sich seine Arbeitswerkzeuge zu ruinieren.

Legendär ist sein Auftritt 1981 in Puccinis Tosca vor 250.000 Zuhörern im New Yorker Central Park. Mit Pavarotti und Carreras erfand er die Drei Tenöre-Stadion-Klassik. "Wo es keine Menschenmenge gibt, wird Domingo bestrebt sein, eine zu verursachen", schreibt sein Biograf Daniel Snowman, "wo es eine gibt, wird er mit Sicherheit ihr Mittelpunkt sein". Plácido Domingo ist eben ein Kind des Theaters. Seit frühester Jugend hat er in der Zarzuela-Operettentruppe seiner Eltern mitgewirkt und dabei gelernt, mit welchen Tricks man das Publikum begeistert. "Wenn ich anfange, mich selber langweilig zu finden", hat Plácido Domingo 2004 erklärt, "dann werde ich abtreten". Dieser Punkt scheint noch lange nicht erreicht.

Frauen am Anfang ihrer Karriere

Auf der Bühne wie auch im Konzert ist Plácido Domingo ein Darsteller von unwiderstehlichem Charme. Hinter den Kulissen aber, das wird bei der Lektüre der Vorwürfe klar, kann er offenbar auch ein Mann von widerlichem Charme sein. Einer, der an Mozarts Opernfigur des Don Giovanni erinnert: ein krankhafter Verführer, der behauptet, die erotische Erregung zum Leben zu brauchen. Eine Sängerin berichtet davon, dass er ihr erklärt habe, er sei abergläubisch und müsse zur Entspannung seiner Nerven darum vor jeder Aufführung mit einer Frau zusammen gewesen sein. "Ich singe dann besser", wird Domingo von der Zeugin zitiert.

In der Mehrzahl handelt es sich bei den von AP aufgelisteten Fällen um die Erlebnisse junger Frauen, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere standen und entsprechend befürchteten, ein "Nein" gegenüber dem einflussreichen Star könne ihrer Karriere schaden. Und in der Tat berichten mehrere Betroffene, die sich Plácido Domingos Zudringlichkeiten verweigerten, dass sie anschließend für keine Konzerte oder Opernproduktionen mehr engagiert worden seien, an der auch der Star beteiligt war.

Es gibt aber in der AP-Recherche auch den Fall einer Sängerin, die sich im Zenit ihrer Bekanntheit befand, als sie 2002 mit Domingo an der New Yorker Met zusammenarbeitete – und dabei unangenehme Erfahrungen machte. Domingo sei ihr Idol gewesen, sagt sie. Er hatte sie dazu inspiriert, das Singen zum Beruf zu machen, ein Auftritt mit ihm sei stets ein Traum gewesen, berichtet die Frau. Als ihr Plácido Domingo dann zum Abschied einen "nassen, schleimigen Kuss" auf den Mund gegeben habe, obwohl sie ihm nur die Wange angeboten hatte, sei damit der Held ihrer Jugend gestorben. Dennoch wolle sie ihn mit ihrer Aussage nicht bestrafen. AP zitiert sie mit den Worten: "Ich will, dass ihm klar wird, für welche Schäden er – emotional, psychologisch, beruflich oder anderweitig – verantwortlich ist."