Der Abend begann mit der Ansprache einer antifaschistischen Aktivistin und endete erst, als Campino sein T-Shirt ausgezogen hatte. 65.000 Menschen waren laut Polizeiangaben am 3. September 2018 auf einem Parkplatz in der Nähe des Chemnitzer Karl-Marx-Denkmals zusammengekommen, um sich das wahrscheinlich wichtigste Ereignis des vergangenen deutschen Popjahres anzusehen: ein Spontanfestival mit Musikern und Bands wie Casper und Marteria, Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet und eben Campino samt T-Shirt und seiner Toten Hosen. Die Stadt hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einige hitzige Tage hinter sich. Am frühen Morgen des 26. August war es im Rahmen eines Volksfests zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung gekommen, an deren Ende ein Deutschkubaner tot auf dem Boden lag. Die Staatsanwaltschaft erhob später Anklage wegen Totschlags gegen zwei Geflüchtete aus Syrien und Irak. Gerade ist das Urteil gegen einen der Verdächtigen ergangen.

Ein diffuses Bündnis aus ausländer- und islamfeindlichen Menschen, besorgten und wütenden Bürger*innen, AfD-Wähler*innen und -Politiker*innen, Fußballhools und Neonazis bestimmte vor einem Jahr tagelang das Chemnitzer Stadtbild. Sie trauermarschierten durch die Innenstadt und hielten Mahnwachen ab. Sie skandierten aber auch faschistische Parolen, prügelten sich mit Gegendemonstrant*innen, bedrohten Journalist*innen, jagten, von der Polizei weitgehend ungehindert, asylsuchende und ausländisch anmutende Menschen durch die Straßen und zeigten den Hitlergruß – kurzum das hässlichste Gesicht, das Deutschland zu bieten hat. 

Dann aber kam Campino. Gemeinsam mit einigen der populärsten deutschen Bands und Musiker *innen organisierten die Toten Hosen ein Konzert, das den Bildern von Hass und Mob eine Botschaft von Weltoffenheit und Willkommenskultur entgegensetzen sollte. Betrachtet man die nackten Zahlen, war die Veranstaltung unter dem Motto #wirsindmehr ein voller Erfolg: Fast dreimal so viele Besucher*innen wie erwartet machten den namensgebenden Hashtag zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Am Ende besang sich die Menge selbst mit der Stadionhymne You’ll Never Walk Alone. Campino gab den Anpeitscher aus der Fankurve und hielt sein zusammengerolltes T-Shirt wie einen Fußballschal in die Höhe.

Dieser Artikel basiert auf einem Auszug aus dem Sammelband "Kein schöner Land. Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart", der am 28. August im C.H.Beck Verlag erscheint. © C.H. Beck

Lässt man die ästhetischen Implikationen dieser Abschlussszene einmal außen vor, könnte man meinen: ein Gratisfestival gegen rechte Gesinnung und Gewalt, unter großem Zeitdruck und Engagement aller Beteiligten aus dem Boden gestampft, symbolträchtig am Ort des schändlichen Geschehens durchgeführt – was gibt es daran schon auszusetzen, wenn man nicht gerade Nazi ist? Wie sich in den Tagen und Wochen danach zeigen sollte: doch eine ganze Menge. Nicht nur rechtspopulistische und -extremistische Organisationen wie Pro Chemnitz und Thügida ordneten #wirsindmehr in vorhersehbarer Weise als Propagandaevent einer deutschlandfeindlichen linksliberalen Meinungsdiktatur ein. Auch das bürgerliche Lager witterte Vaterlandsverrat und monierte den Auftritt der Punkband Feine Sahne Fischfilet, über die es im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern einst hieß, sie vertrete eine "explizit anti-staatliche Haltung".

Schon aussagekräftiger als diese Beißreflexe: #wirsindmehr stieß auch dort auf Widerstand, wo eine explizit anti-staatliche Haltung zum guten Ton gehört. Einige linke Aktivist*innen aus Sachsen, alltagserprobt im Umgang mit Neonazis, betrachteten die Veranstaltung als medienwirksame Eintagsfliege. Ein Schulterklopfen unter Freunden und Gleichgesinnten, das vor allem Partytourismus generierte. Auch die unsensible Zusammensetzung des #wirsindmehr-Programms geriet in die Kritik: Schließlich standen überwiegend jene weißen, männlichen Musiker auf der Bühne, die auch sonst immer auf der Bühne stehen, wenn irgendwo in Deutschland ein Popfestival stattfindet. War das Solidarität, die sich über die Köpfe der unmittelbar Betroffenen hinweg äußerte? Zeigte sich selbst im Protest gegen Rechts noch das alles erdrückende "Herrenmen­schentum", wie es die Musikerin und Popjournalistin Kerstin Grether nannte, das die deutsche Popmusik ohne jedes Be­wusstsein für oder Interesse an den eigenen Privilegien domi­niert? Und musste Campino wirklich wieder beweisen, dass er noch den ernstesten aller Anlässe zum Fußballspiel umdeuten kann?

Ein Jahr danach blickt man zurück auf #wirsindmehr und fragt sich, was die ganze Aufregung überhaupt sollte. Aufmerksame Beobachter*innen des deutschen Popbetriebs hätte weder die Veranstaltung selbst noch die im Anschluss geführte Debatte überraschen dürfen. Beide waren so dermaßen typisch deutsch – vom Auslöser über die Umsetzung bis zur daran geäußerten Kritik –, dass eigentlich nur noch eine Verfilmung der ganzen Geschichte von Til Schweiger und Matthias Schweighöfer fehlt. Warum aber ist es so schwer für hiesige Musiker*innen, mit klaren Positionen einen breiten gesellschaftlichen Konsens herzustellen, selbst wenn es um etwas Grundsätzliches geht wie die Solidarität mit den Angehörigen eines Getöteten und den Opfern rechter Gewaltausbrüche? Wieso werden weibliche, queere, nicht-binäre oder auch migrantische Perspektiven bei der Suche nach diesen Positionen noch immer häufig ausgeschlossen? Und weshalb erschöpfen sich die Diskussionen über all das sowohl in klassischen wie auch sozialen Medien meist im Abspulen jahrelang antrainierter und verfestigter Positionen, die keine gedankliche Bewegung mehr erlauben? 

Die Musiker hinter #wirsindmehr schienen schon vorher zu ahnen, was auf sie zukommen würde. In einer merkwürdigen Pressekonferenz hatten sie das eigene Engagement kleingeredet und sich in Heimeligkeitsfloskeln geflüchtet. "Keine Schaufensterscheibe darf hier zu Bruch gehen", hatte Campino als eines der Ziele für den Abend ausgegeben. Felix Brummer, Sänger von Kraftklub und gebürtiger Chemnitzer, hatte hinzugefügt, man sei nicht so naiv zu glauben, dass sich die Welt mit einem Konzert retten ließe. Aber manchmal sei es wichtig, dass man sich nicht alleine fühle. You'll Never Walk Alone eben. Die Genügsamkeit und Verzagtheit, die aus dieser Aussage sprechen, sind bezeichnend für Popmusik in Deutschland. Denn gerade das müsste sie sein: der aberwitzige Glaube daran, dass man die Welt mit einem Konzert retten kann. Diesen Glauben hat sich die deutsche Popmusik selbst ausgetrieben. Oder austreiben lassen? Das gilt es nun zu klären.