Wie man es macht, macht man es verkehrt; irgendjemand beschwert sich immer: Dieser aus dem alltäglichen Leben gut bekannte Umstand gilt auch im Zusammenhang mit der Beantwortung der Frage, ob Popmusiker und -musikerinnen sich in politischen Angelegenheiten äußern sollten oder lieber nicht. Sollen sie sich gegen Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und kapitalistische Ausbeutungssysteme aussprechen? Ist es eventuell sogar vonnöten, dass sie eine parteipolitische Präferenz formulieren? Oder reicht es, wenn sie einfach das tun, was sie am besten können, nämlich musizieren? Die Ansichten in dieser Angelegenheit sind verschieden, und wie es in der polarisierten Öffentlichkeit unserer Gegenwart üblich ist, kann man sowohl mit politischen Äußerungen wie auch mit deren Ausbleiben jederzeit in das Schlaglicht von Kritik und Denunziation geraten.

Eine Künstlerin, die in dieser Hinsicht in beispielhafter Weise alles falsch zu machen versteht, ist die US-amerikanische Popsängerin Taylor Swift. Seit ihrer Verwandlung vom jungen, musikalisch traditionell auftretenden Country-Talent (ihr Debütalbum Taylor Swift nahm sie 2006 im Alter von 16 Jahren in Nashville auf) zur massenbegeisternden megaeklektischen Teenie-Pop-Diva (mit ihrem 2012er Album Red) wurde sie immer wieder zu politischen Stellungnahmen gedrängt – ohne dass lange Zeit diesem Drängen irgendein Erfolg beschieden war. Zunächst versuchte die vor und während des Wahlkampfs von Donald Trump erblühende Alt-Right-Bewegung sie als "arische Popgöttin" zur eigenen Galionsfigur zu erheben: weil sie blond und blauäugig ist; weil sie in dem Video zu ihrem 2016er Song Wildest Dreams als gut gelaunte weiße Kolonialherrin posierte und dafür von liberalen Kommentatorinnen und Kommentatoren scharf kritisiert wurde; und weil sie – anders als viele andere Popstars – im US-Wahlkampf 2016 keinerlei Sympathien für eine politische Seite zu erkennen gegeben hatte. 

Deswegen suchten rechte Kommentatoren und Blogger in ihren Texten und Videos längere Zeit eifrig nach versteckten Anspielungen auf eine Pro-Trump-Gesinnung. Swift zog es lange Zeit vor, in dieser Frage eisern zu schweigen, wiederum zum Missfallen der liberalen Kommentatorinnen und Kommentatoren – bis sie sich im Oktober 2018 vor den Midterm Elections in den USA dann doch erklärte. "Ich glaube an den Kampf für LGBTQ-Rechte und daran, dass jede Art der sexuellen Diskriminierung falsch ist", schrieb sie auf ihrem Instagram-Account. "Ich glaube, dass der herrschende systematische Rassismus, den wir in diesem Land gegenüber people of color erleben, erschreckend und widerlich ist. Ich werde meine Stimme niemandem geben, der nicht für die Würde aller Menschen in Amerika kämpft, egal welche Hautfarbe und welches Geschlecht sie haben und wen sie lieben." Unter ihren vorherigen Anhängern von der Alt-Right löste sie damit Zorn und Empörung aus.

Jetzt erscheint ihr neues Album Lover, und in einer der vier bereits vorab veröffentlichten Singles hat Swift ihre politische Positionierung aus dem vergangenen Oktober noch einmal bekräftigt. In dem Stück You Need To Calm Down bittet sie die Menschen darum, sich zu beruhigen und auch andere Lebens- und Liebesweisen als die eigene zu tolerieren. In dem dazugehörigen Video sieht man sie inmitten von Schwulen, Lesben, Dragqueens und Transgender-Menschen eine Party feiern. "Why are you mad / when you could be GLAAD?", singt sie dazu – GLAAD ist der Name einer LGBTQ-Lobby-Organisation, Gay and Lesbian Alliance Against Defamation –, "sunshine on the street / at the parade / but you would rather be in the dark ages", während die Vertreterinnen und Vertreter der "dunklen Zeitalter" in Gestalt von nachlässig gekleideten Hillbillies mit schlechten Zähnen der schönen nicht-binären Gemeinde hasserfüllt ihre "Gott wird Euch bestrafen"-Plakate entgegenrecken.

Das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Freilich irrt, wer nun geglaubt haben sollte, dass das liberale Amerika diese deutliche Parteinahme begrüßt. "Das ist so gut gemeint, dass es nervt", schrieb etwa die Kritikerin der einflussreichen Webseite Pitchfork, "der Text hat die Energie von Fingernägel-Emojis und wird mit einem Lächeln aus Plastik dargeboten", er klinge wie die hohle Reklame irgendeines Konzerns, der während des schwul-lesbischen Pride Month eben auch noch schnell auf den Solidaritätszug aufspringen will. Auch in anderen Medien – von der New York Times über The Atlantic bis Slate – wurde Taylor Swift sogleich vorgeworfen, viel zu spät und in viel zu oberflächlicher Weise ihre Solidarität zu bekunden: "too late to the show". Eine Gruppe schwuler und lesbischer Filmemacher und Filmemacherinnen belegte sie gar mit dem Vorwurf des "queerbaiting", also der kommerziellen Ausschlachtung von LGBTQ-Ikonografien zum Zweck der Zielgruppenerweiterung.

Also auch dieses Mal: wieder alles falsch gemacht. Dass Swift in ihrem Song ja zunächst und zuletzt dazu aufgerufen hatte, dass alle sich erst einmal ein bisschen beruhigen, bevor sie zwecks Entfachen des nächsten Shitstorms wieder aufeinander losgehen – das ging im allgemeinen Diskursgetümmel natürlich unter.

Angesichts der Vorgeschichte sollte man wohl erst einmal feststellen, dass unter den 18 Stücken auf dem neuen Album You Need To Calm Down das einzige ist, das sich als explizite politische Stellungnahme bewerten lässt. Es gibt jedenfalls keine Anti-Trump-Songs zu hören. Aus Swift ist auch diesmal keine politische Liedermacherin geworden, und wenn sie sich überhaupt noch einmal zur Lage des Landes äußert, dann zwischen den Zeilen; dazu später mehr. Das zentrale Thema des Albums ist – wie der Titel schon andeutet und wie es die Künstlerin in einer Art Gebrauchsanweisung im Booklet erläutert – die Liebe. "This album is a love letter to love", schreibt sie, "I want to be defined by the things I love". Aber die Liebe ist, wie bei Swift stets, vor allem eine komplizierte und schmerzbeladene Sache. Zu ihren lyrischen Standards gehört seit je die Auseinandersetzung mit – mehr oder weniger deutlich erkennbaren – ehemaligen Liebhabern.