Irgendwann fällt es den Fantastischen Vier selbst auf. Seit einer Dreiviertelstunde labert sich Deutschlands langlebigste Hip-Hop-Gruppe da schon durch ihren neuen Dokumentarfilm, es geht um Stuttgart, Schreibblockaden und die jeweiligen Wohnsituationen. Aber dann erreicht den Rapper und DJ Michi Beck plötzlich eine Eingebung. Eigentlich, sagt er, sei seine Band eine Boygroup. Und es stimmt ja auch. Nicht mehr ganz taufrisch ist sie, aber immer noch fit und populär genug, um nächstes Jahr auf große Hallentour zu gehen mit den Backstreet Boys oder New Kids On The Block. Man ist im gleichen Alter, man hat die gleichen Wertanlagen und Wehwehchen. Und inzwischen sogar dieselbe Zielgruppe.

Kann sein, dass die Fantastischen Vier vorher noch mal ins Bootcamp müssten (Dokusoap mit Detlef D! Soost!) oder zum chirurgischen Makeover (Dokusoap mit Guido Maria Kretschmer!). Ansonsten erfüllen sie aber alle Kriterien, die zufälligerweise für Rap- und Boybands gleichsam gelten. Jeder kann irgendwas und steht für irgendwas, nicht bei jedem muss das zwangsläufig mit Musik zu tun haben. Auf der Bühne tragen alle aufeinander abgestimmte Outfits, ein rockertypähnlicher Manager hält den Laden zusammen und die Arbeit im Studio funktioniert so, dass man die richtigen Leute kennt und dazuholt. Wer das öde findet, dem erklärt die 100-Minuten-Doku Wer vier sind nun, dass es tatsächlich ein bisschen öde ist.

Aber wer ist nun wer? Smudo ist der, der gern fliegt und Auto fährt (Bad Boy!). Thomas D. ist der Veganer, der mal ein Hausschwein hatte (Gutmensch!). Michi Beck ist der Schicksalsberliner (stylish!). Und And.Ypsilon ist der, der irgendwie gar nichts ist (aber meganett!!). Gemeinsam ergeben sie tatsächlich so etwas wie jenes Deutschrap-Superhelden-Ungetüm, auf das ihr Bandname seit inzwischen 30 Jahren verweist. Die Superkraft der Fantastischen Vier ist Grönemeyer, Tote Hosen und Helene Fischer zusammen – das seltene Talent, volksfestliche Stimmungslagen durch Musik zu erzwingen, die gar nicht mal so scheiße ist. Man muss sagen: Niemand sonst ist wie sie.

Wer Vier sind beginnt mit einem hiphoptechnisch stabilen Intro voller Selbst- und Fremdbeweihräucherung. Danach interessiert sich der Film kaum noch für die Geschichte seiner Protagonisten, vielleicht, weil es schon zum zwölften Geburtstag der Band die Werdegangsdoku Was geht gab. Aus dieser weiß man: Die Fantastischen Vier waren anfangs zwei und schließlich vier Gymnasiasten beziehungsweise Friseurlehrlinge aus Stuttgart, die vor 27 Jahren mit der pfiffigen Single Die da?! in die Charts stolperten. Dafür wurden sie von der hiesigen Rap-Community verachtet, bis sie doch noch Akzeptanz fanden und ihr Kinderzimmerprojekt mit künstlerischem und kaufmännischem Geschick zur westdeutschen Lebensleistung ausbauen konnten.

Schon bevor es den Begriff Deutschrap überhaupt gab, haftete der Musik der Fantastischen Vier etwas typisch Deutsches an. Kaum jemand löste sich hierzulande früher und konsequenter von den US-Vorbildern: Je nach Blickwinkel liegt darin das große Verdienst oder Verbrechen der Fantastischen Vier. Denn in ihrem Blödelhumor und den Sturmfrisuren, in ihrer Fähigkeit, sich auf fürchterlich verkrampfte Weise locker zu machen, und wahrscheinlich sogar in dem Gras, das sie hinter der holländischen Grenze rauchten, steckten schon Anfang der Neunzigerjahre jene Spießbürger, die die Band heute nicht ohne Stolz verkörpert.

Wer Vier sind reflektiert nichts davon. Nur der engste Kreis der Fantastischen Vier kommt in dem Film von Thomas Schwendemann zu Wort, niemand bemüht sich darum, das Geschehene einzuordnen oder gar kritisch zu hinterfragen. Stattdessen verabreden sich die Spießbürger für ein möglicherweise letztes großes Rodeo: die Aufnahmen ihres zehnten Albums Captain Fantastic, das vor anderthalb Jahren erschienen ist und wie alle Alben der Fantastischen Vier seit 1995 mindestens Platz zwei der Charts erreicht hat. Wer Vier sind ist also ein Werbeeinspieler des deutschen Pop- und Rapbetriebs. Interessant wird er immer dann, wenn die Beteiligten vergessen, dass Werbung dazu da ist, die Wahrheit zu frisieren.