Der ewig ungebetene Hochzeitsgast – Seite 1

Nicht, dass ihn jemand darum gebeten hätte, aber Iggy Pop hat schon mal den Titelsong des nächsten James-Bond-Films komponiert. Mit drolligem Basslauf und buchstäblich eintöniger Hi-Hat-Begleitung zwängt sich das Stück in ein denkbar enges Cocktailkleid, während der Sänger von einer Frau erzählt, die sich selbst als Nachfolgerin des berühmtesten aller Spione ins Spiel bringt. Pop schiebt der Agentin einen schlüpfrigen Witz unter, irgendwas mit Nüssen, die wie M&M's in ihrem Mund schmelzen. Dann erklingt noch ein Trompetensolo und schon ist die Nummer wieder vorbei. Nur Iggy Pop könnte sie bringen. Und nur er könnte ein Bond-Theme schreiben, das den Namen James Bond trägt.

Wenn der 25. Bond-Film No Time to Die im kommenden Frühling in die Kinos kommt, wird Daniel Craig seine Bauchmuskeln höchstwahrscheinlich zu einer anderen Melodie zählen. Als erster veröffentlichter Song aus dem neuen Album Free von Iggy Pop funktioniert James Bond jedoch einwandfrei. 

Einmal mehr gelingt es dem mittlerweile 72-jährigen Künstler, eine Duftmarke der verführerischen Ranzigkeit zu setzen. Warum es diese auch nach 59 Karrierejahren noch nicht als Parfüm zu kaufen gibt, abgefüllt in Flaschen, die Pops Bleistiftsilhouette nachempfunden wurden – das wissen nur der liebe Gott und Chanel. James Bond jedenfalls ist ein perfekt ausbalancierter Popmoment. So absurd wie einleuchtend. So schlau wie dumm.

Stellt man sich die Geschichte der Popmusik als eine Hochzeitsfeier vor, dann ist Iggy Pop der ungebetene Gast, dessen Erscheinen von der ganzen Gesellschaft ebenso gefürchtet wie herbeigefiebert wird. Ja, er hatte mal was mit der Braut. Und mit dem Bräutigam sowieso. Ja, er wird mit abenteuerlich aufgeknöpftem Hemd aufschlagen, viel zu viel trinken, über die Torte stürzen und vielleicht sogar in eine Tuba kotzen, die Hochzeitskapelle stand halt im Weg herum. Doch er wird eben auch der Typ sein, auf den sich alle Augen richten, der größte Albtraum und heimliche Held der traurigen Frackversammlung. Hinterher kann man ihn aus den Hochzeitsfotos herauslöschen. Niemals aber aus der eigenen Erinnerung.

Allen James-Bond-Vorabfantasien zum Trotz erwischt man den lebenslangen Troublemaker mit seinem 18. Soloalbum in einem besinnlichen Moment. Free folgt auf eine für ihn geradezu ungekannte Phase des Erfolgs. Im Frühjahr 2016 und vermeintlichen Spätherbst seiner Karriere hatte Iggy Pop das Album Post Pop Depression veröffentlicht, eine Classic-, Kunst- und Schweinerockplatte, mit der er sich bis in die höchsten Regionen der Charts wütete und lamentierte. Auch die anschließende Welttournee verlief ohne die einst üblichen Verletzungen und Ausschweifungen.

Auf Free muss Iggy deshalb nun konstatieren: Es ist ganz schön anstrengend, ein richtiger Rockstar zu sein. Da schnauft Iggy einmal durch.

Wenn Iggy Kunst macht

Vergessen sind jetzt die Skorpionsstachelgitarren und Schlagzeugwirbel, mit denen Joshua Homme (Queens Of The Stone Age) und Matt Helders (Arctic Monkeys) den Sound von Post Pop Depression geprägt hatten. An ihre Stelle treten der Trompeter Leron Thomas und die Gitarristin Sarah Lipstate alias Noveller, vergleichsweise unbekannte Erfüllungsgehilfen und -gehilfinnen, die sich mehr für atmosphärische Feinheiten als den großen Knall interessieren. Zu Schalldämpfer, Synthieflächen und programmiertem Schlagzeug rezitiert Iggy nicht nur Texte über abgelegte Laster und Liebschaften, sondern auch ein Dylan-Thomas-Gedicht. Das Resultat klingt zunächst verwirrend: als sänge sich Frank Sinatra durch eine Musicalfolge von The Walking Dead.

Iggy-Experten waren darauf natürlich vorbereitet. Seit jeher dreht sich die Karriere dieses Mannes darum, sich selbst zu sabotieren. Sobald er so etwas wie ein Momentum hatte, hat er es im nächsten Moment schnell und effektvoll wieder ausgebremst. Als zum Beispiel die Stooges, mit denen Pop einst die letzte Vorstufe des Punk erfand, im Jahr 2010 endlich von der Rock 'n' Roll Hall Of Fame akzeptiert wurden, hatte Iggy gerade eine Jazz- und Chanson-Phase. Auf den teilweise französischsprachigen Alben Préliminaires und Après besang er Édith Piaf, Serge Gainsbourg und die Grabestiefe seiner eigenen Stimme. Bob Dylan nickte anerkennend, und die Welt drehte sich weiter.

Free ist nicht ganz so unerhört: Mit Loves Missing und Dirty Sanchez enthält das neue Album immerhin zwei Rocksongs, deren konventionellen Aufbau (Crescendi, Gitarrenriffs, Call-and-response-Gesang) der Sänger in typischer Iggy-Manier unterwandert.

Trotzdem gehört Free zu jenen Ausflügen Richtung Hochkultur, mit denen er gerade nicht die eigene Profilneurose aufzupolieren versucht, sondern seine womöglich wahre Bestimmung durchscheinen lässt. Iggy Pop ist nicht nur gekommen, um das Establishment zu schockieren. Im Lauf der Jahre hat er auch gelernt, wie man es um den Finger wickelt.

Wir sind hier doch nicht bei Bowie oder Reed

Denn wenn Iggy Kunst macht, dann läuft der Hase anders als bei seinen alten Weg- und Gesinnungsgefährten, bei David Bowie und Lou Reed, die immer auch daran arbeiteten, der Rockmusik eine gewisse Salon- und Museumstauglichkeit zu verleihen. Iggy Pops Fragen lauten stattdessen: Steht irgendwo im Salon ein Blumenkübel, in den ich noch nicht gepinkelt habe? Gibt es im Museum eine teure neue Skulptur, die ich mit dem Hintern umstoßen kann? Und läuft hier vielleicht noch ein Anzugträger herum, der an seine kunstbeflissene Armseligkeit erinnert werden muss?

Free findet darauf Antworten, die es nicht bis auf den Grabstein von Iggy Pop schaffen werden. Es ist ein kurzes und vergleichsweise kleines Album, und das darauf bekundete Interesse an Ambient und Jazz erscheint weniger aufrecht empfunden als zuvor der abgewetzte Lederjackensound von Post Pop Depression. Wer glaubt, dass es deshalb auch weniger bedeutsam sei, hat jedoch weder Iggy noch Pop verstanden.

Erst als Einzelkämpfer, der oberhalb seiner eigentlichen Gewichtsklasse boxt, läuft der Künstler zur Höchstform auf. In der Beschäftigung mit dem Schmuddeligen, Geschmacksverirrten und potenziell Blutigen stößt er vor bis an die Grenzen der von ihm gewählten und gelebten Kunstform. Iggy Pop ist ein Agent im Namen der ewigen Majestätsbeleidigung.

"Free" von Iggy Pop erscheint am 6. September bei Loma Vista/Caroline/Universal Music.