Vergessen sind jetzt die Skorpionsstachelgitarren und Schlagzeugwirbel, mit denen Joshua Homme (Queens Of The Stone Age) und Matt Helders (Arctic Monkeys) den Sound von Post Pop Depression geprägt hatten. An ihre Stelle treten der Trompeter Leron Thomas und die Gitarristin Sarah Lipstate alias Noveller, vergleichsweise unbekannte Erfüllungsgehilfen und -gehilfinnen, die sich mehr für atmosphärische Feinheiten als den großen Knall interessieren. Zu Schalldämpfer, Synthieflächen und programmiertem Schlagzeug rezitiert Iggy nicht nur Texte über abgelegte Laster und Liebschaften, sondern auch ein Dylan-Thomas-Gedicht. Das Resultat klingt zunächst verwirrend: als sänge sich Frank Sinatra durch eine Musicalfolge von The Walking Dead.

Iggy-Experten waren darauf natürlich vorbereitet. Seit jeher dreht sich die Karriere dieses Mannes darum, sich selbst zu sabotieren. Sobald er so etwas wie ein Momentum hatte, hat er es im nächsten Moment schnell und effektvoll wieder ausgebremst. Als zum Beispiel die Stooges, mit denen Pop einst die letzte Vorstufe des Punk erfand, im Jahr 2010 endlich von der Rock 'n' Roll Hall Of Fame akzeptiert wurden, hatte Iggy gerade eine Jazz- und Chanson-Phase. Auf den teilweise französischsprachigen Alben Préliminaires und Après besang er Édith Piaf, Serge Gainsbourg und die Grabestiefe seiner eigenen Stimme. Bob Dylan nickte anerkennend, und die Welt drehte sich weiter.

Free ist nicht ganz so unerhört: Mit Loves Missing und Dirty Sanchez enthält das neue Album immerhin zwei Rocksongs, deren konventionellen Aufbau (Crescendi, Gitarrenriffs, Call-and-response-Gesang) der Sänger in typischer Iggy-Manier unterwandert.

Trotzdem gehört Free zu jenen Ausflügen Richtung Hochkultur, mit denen er gerade nicht die eigene Profilneurose aufzupolieren versucht, sondern seine womöglich wahre Bestimmung durchscheinen lässt. Iggy Pop ist nicht nur gekommen, um das Establishment zu schockieren. Im Lauf der Jahre hat er auch gelernt, wie man es um den Finger wickelt.

Wir sind hier doch nicht bei Bowie oder Reed

Denn wenn Iggy Kunst macht, dann läuft der Hase anders als bei seinen alten Weg- und Gesinnungsgefährten, bei David Bowie und Lou Reed, die immer auch daran arbeiteten, der Rockmusik eine gewisse Salon- und Museumstauglichkeit zu verleihen. Iggy Pops Fragen lauten stattdessen: Steht irgendwo im Salon ein Blumenkübel, in den ich noch nicht gepinkelt habe? Gibt es im Museum eine teure neue Skulptur, die ich mit dem Hintern umstoßen kann? Und läuft hier vielleicht noch ein Anzugträger herum, der an seine kunstbeflissene Armseligkeit erinnert werden muss?

Free findet darauf Antworten, die es nicht bis auf den Grabstein von Iggy Pop schaffen werden. Es ist ein kurzes und vergleichsweise kleines Album, und das darauf bekundete Interesse an Ambient und Jazz erscheint weniger aufrecht empfunden als zuvor der abgewetzte Lederjackensound von Post Pop Depression. Wer glaubt, dass es deshalb auch weniger bedeutsam sei, hat jedoch weder Iggy noch Pop verstanden.

Erst als Einzelkämpfer, der oberhalb seiner eigentlichen Gewichtsklasse boxt, läuft der Künstler zur Höchstform auf. In der Beschäftigung mit dem Schmuddeligen, Geschmacksverirrten und potenziell Blutigen stößt er vor bis an die Grenzen der von ihm gewählten und gelebten Kunstform. Iggy Pop ist ein Agent im Namen der ewigen Majestätsbeleidigung.

"Free" von Iggy Pop erscheint am 6. September bei Loma Vista/Caroline/Universal Music.