Die weltweit gefeierte Opernsängerin Jessye Norman ist tot. Wie ihre Familie mitteilte, starb sie am frühen Montagmorgen in einem New Yorker Krankenhaus im Kreise ihrer Angehörigen an einem septischen Schock und multiplem Organversagen – die Folge von Komplikationen nach einer Rückenmarkverletzung, die sie sich 2015 zugezogen hatte. Sie wurde 74 Jahre alt.

Norman galt als bahnbrechende Sängerin. So gehörte sie zu den wenigen schwarzen Kunstschaffenden, die in der Opernwelt international zu Ruhm und Ehre kamen. Norman trat in renommierten Häusern wie der Scala in Mailand und der New Yorker Metropolitan Opera auf und füllte mit ihrer leidenschaftlichen Sopranstimme Titelrollen in Werken wie Georges Bizets Carmen und Giuseppe Verdis Aida aus.

Auch Partien von Richard Wagner sang Norman, beschränkte sich dabei aber nicht nur auf die Welt der Oper und der klassischen Musik. Bei Standards und Songs von Jazz-Größen wie Duke Ellington war Norman ebenfalls zu Hause.

Geboren wurde Jessye Mae Norman am 15. September 1945 in Augusta im US-Staat Georgia in einer Zeit, als die Trennung von Schwarzen und Weißen gang und gäbe war. Sie wuchs in einer musikalischen Familie mit Pianisten und Sängern auf. Schon als Vierjährige begann sie, Gospel zu singen. Früh interessierte sie sich dann für Opernmusik. Später bekam sie ein Stipendium für ein Musikstudium an der traditionell von Schwarzen besuchten Howard University in Washington, ihre Ausbildung setzte sie dann am Peabody-Konservatorium und an der Universität von Michigan fort.

Norman gab ihr Operndebüt in Berlin

Ihr Operndebüt gab sie 1969 in Berlin. Bald entzückte Norman das Publikum auf Opernbühnen in aller Welt mit ihrer glänzenden Stimme und meisterte dabei unterschiedliche Sprachen. Die New York Times beschrieb ihren Sopran einst als "eine prachtvolle Villa des Klangs". Edward Rothstein, ein Musikkritiker der renommierten Zeitung, attestierte Norman eine ungeheure Bandbreite. Ihre Stimme "hat enorme Dimensionen, reicht nach unten und nach oben. Sie gibt unerwartete Aussichten frei. Sie umfasst sonnendurchflutete Räume, enge Gänge, riesige Abstürze", schrieb er.

1997 wurde Norman mit 52 Jahren die bis dato jüngste Person, der der Kennedy-Preis für herausragende Beiträge zur US-amerikanischen Kultur und Kunst verliehen wurde. Der frühere Präsident Barack Obama verlieh ihr die Ehrenmedaille National Medal of Arts, eine der wichtigsten Auszeichnungen für Künstler und Kunstförderer in den USA. Etliche renommierte Universitäten wie Juilliard, Harvard und Yale bedachten sie mit der Ehrendoktorwürde, sie war auch Mitglied der britischen Royal Academy of Music. Selbst eine Orchidee ist in Frankreich nach Norman benannt, das Land verlieh ihr auch den Orden der Künste und der Literatur.

In ihrer langen Karriere häufte sie 15 Grammy-Nominierungen an, vier Mal gewann sie einen der begehrten Musikpreise. 2006 bekam sie einen Grammy für ihr Lebenswerk. Norman sang bei den Amtseinführungen von zwei US-Präsidenten – Ronald Reagan und Bill Clinton –, bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta und bei den Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution 1989. In den vergangenen Jahren trat sie nur noch selten auf.

"Wir sind so stolz auf Jessyes musikalische Errungenschaften und die Inspiration, die sie Zuhörern weltweit gegeben hat", teilte ihre Familie in einer Erklärung mit. Stolz sei sie auch auf Normans humanitäres Engagement für den Kampf gegen den Hunger, Obdachlosigkeit, die Entwicklung von jungen Menschen sowie Kunst- und Kulturausbildung. Ihr Vermächtnis werde "eine Quelle der Freude" bleiben.