Zwei Staaten, zwei Brüder, eine Musik: Das ist das Thema eines so großartigen wie aufwühlenden Dokumentarfilms, der am Samstagabend bei 3sat zu sehen ist. Über anderthalb Stunden hinweg begleitet der Regisseur Stephan Lamby in Brüder Kühn den Klarinettisten Rolf Kühn und den Pianisten Joachim Kühn, zeigt sie auf Ibiza und in New York, im Schwarzwald und in Katowice, sieht ihren Auftritten zu, lässt sie aus ihrem Leben erzählen und stürzt uns nebenher in einen Strudel deutsch-deutscher Befindlichkeiten. Denn die beiden Musiker stammen aus dem Osten, aus Leipzig, das sie auf sehr unterschiedliche Weise verlassen haben.

Rolf Kühn, geboren 1929, erhielt mit 20, kurz vor Gründung der BRD wie der DDR im Jahr 1949, einen Ruf in den Westen, nach Timmendorf. Sein Job war es fortan, in einer verrückten Bar an der Ostsee für reiche Hamburger aufzuspielen, die dringend nachholen mussten, was sie im Krieg verpasst hatten. Joachim Kühn, 14 Jahre jünger, blieb hängen in Leipzig und bekam die volle Dosis DDR ab, von der er sich erholt, seit er 1966 mithilfe seines Bruders "türmte", wie er es im Film so schön sagt. Türmen klingt so viel salopper als Republikflucht, und das war es in seinem Falle auch: Joachim Kühn türmte im Schlaf. Im Schlafwagen.

Ach ja, die beiden Herren, inzwischen 89 und 75, sind Jazzmusiker. Rolf an der Klarinette besticht durch Eleganz und Zurückgenommenheit, Joachim am Klavier durch hämmernde Intensität. Rolf spricht im Film bedächtig mit sonorer Stimme, Joachim nuschelt sich so durch, immer mit was süßlich Glimmendem zwischen seinen "Goldfingern", wie er sie spöttisch nennt. Manchmal sind die Erzählungen der beiden mitten im Satz miteinander verschnitten und werden zu einer Erzählung: der Befreiung durch Musik.

Mit dem Saxofon im Pool

Befreiung von der Naziherrschaft, der Judenverfolgung, dem Bombardement Leipzigs durch die britische und die amerikanische Luftwaffe, der sowjetischen Besatzung, der DDR-Enge, dem Mauerbau und – an Pointen fehlt es nicht – der Befreiung vom eigenen Swimmingpool. Zu Beginn des Films spielt Joachim in seinem Traumhaus auf Ibiza Saxofon im leeren Becken, was kurios aussieht, und Joachim erläutert trocken, dass er vor Jahren beschlossen habe, nicht mehr zu schwimmen, da brauche er auch kein Wasser mehr im Pool. "Ich versuche alles zu eliminieren, was mich im Leben stört."

Was für eine grandiose Gegenhaltung zu jener Mischung aus Wut und Jammer, die heute viele im deutschen Osten ergriffen zu haben scheint. "Ich mache 24 Stunden lang nur, wozu ich grade Lust habe, das ist die Freiheit, die ich mir gönne", sagt der Ex-DDR-Bürger Joachim Kühn. "Freiheit ist ein großes Ding. Ich versuche es so weit zu treiben, wie es nur geht."

Dabei könnte er durchaus Grund zur Klage finden. Als der Dokumentarfilmer Lamby beim Herumsitzen auf irgendeinem Flughafen auf dem Weg zum nächsten Gig die Frage nach der Rente stellt – andere würden ja schon mit Mitte Sechzig aufhören –, brummt Joachim: "Ja, ich könnte auch in Rente gehen. Ich krieg bloß keine Rente." Kurzes, rauhes Lachen. "Wenn man aufhört, dann wartet man nur noch auf den Tod. Warten tu ich ungern, auf den Tod schon gar nicht. Also leb ich in der Zwischenzeit weiter, und es ist egal, was für eine Zahl davorsteht."

Joachim Kühn ist der bekanntere der Brüder, lange war er im Ausland sogar der bekannteste deutsche Jazzmusiker – neben Albert Mangelsdorff, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Posaune die Welt nach Westdeutschland geholt hatte. Rolf Kühn, der den mittleren Teil seines Berufslebens in Fernsehorchestern, mit Musicals und am Theater verbrachte, wird erst in den vergangenen Jahren neu entdeckt, seit er mit jungen Wilden spielt. In seinem Quartett, der Rolf Kühn Unit, ist der Schlagzeuger 55 Jahre jünger als er.