Rolf Kühn fährt in einem blauen Sportwagen vor, parkt seinen Flitzer vor dem früheren Rias-Gebäude in Berlin-Schöneberg und steigt beschwingt aus. Eleganter Schal, Jeansjacke, schwarzes Poloshirt, erhaben, zeitlos souverän. Wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag am 29. September spielt Kühn noch immer Konzerte, reist, probt, sitzt am Computer, kümmert sich weitgehend selbst um alle notwendigen Dinge des Künstlerlebens, plant weit voraus. Er gilt als einer der besten Jazzklarinettisten der Welt. Was hinter ihm und vor ihm liegt, darüber wollen wir mit ihm sprechen, generationenübergreifend, weil Rolf Kühn den Austausch mit jungen Leuten liebt. Wir, das sind der ZEIT-ONLINE Autor Reinhard Köchl (61) und seine Tochter Theresa (23).

Reinhard Köchl: Ihre große Jubiläums-Vinylbox, die jetzt erscheint, heißt The Best Is Yet To Come. Sie werden 90 und denken offenbar nicht ans Aufhören. Wie wäre es also mit einer Zwischenbilanz?

Rolf Kühn: Bringt wenig. Eine Bilanz passt dann, wenn eine Periode im Leben zu Ende gegangen ist. Bei mir gab es die Leipziger Periode, dann folgte die Berliner Periode, die New Yorker Periode, dann kam die Zeit in Hamburg und jetzt bin ich wieder in Berlin. Ich habe mich immer weiterentwickelt, bin als Musiker gewachsen und vielleicht auch als Mensch.

Theresa Köchl: Welche Periode würden Sie als die interessanteste bezeichnen?

Kühn: Mit die interessanteste war die Zeit im Theater des Westens in Berlin. Dort habe ich in den Sechzigern 13 Jahre das Orchester als Chefdirigent geleitet. Ich durfte in absoluter Luxusbesetzung von 45 Musikern arbeiten. So etwas findet man heute nirgendwo mehr. In den Orchestergräben sitzen inzwischen nur mehr neun bis zehn Leute, das, was früher die ganze Fülle eines solchen Klangkörpers ausmachte, erledigen inzwischen Synthesizer. Leider klingt auch das manchmal ganz gut.

Reinhard Köchl: Sie waren in Ihrem Leben viel unterwegs, gingen 1956 in die USA und danach zurück ins geteilte Deutschland. Was haben Sie gesucht?

Kühn: Die besten Musiker. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass ich einmal Benny Goodman begegnen und zwei Jahre in seiner Band spielen könnte. Ich hörte seinen Namen zum ersten Mal 1947, als mir die Leipziger Pianistin Jutta Hipp eine V-Disc mit dem Titel Hallelujah vorspielte. Goodman und die Band, Teddy Wilson oder Gene Krupa, alle in Höchstform! Es war die einzige Platte, die ich kannte, und die studierte ich und klaute buchstäblich jede Note. Ich wollte wissen, wie er das machte, in Sekundenschnelle neue Melodien erfinden, die zu diesen Harmonien passen. Solchen Leuten zuzuhören und vielleicht mal mit ihnen zu spielen, von ihnen zu lernen, das war mein großes Ziel, ganz egal, wo ich mich gerade befand.

Reinhard Köchl: 2019 ist das Jahr der großen deutsch-deutschen Jahrestage: 30 Jahre Mauerfall, 70 Jahre BRD und DDR. Sie waren Zeitzeuge all dieser Ereignisse.

Kühn: 1949 war ich 20 und lebte noch in Leipzig. Die Gründung der beiden deutschen Staaten habe ich gar nicht so mitbekommen, weil sich bei mir alles nur um die Musik drehte. Seit meinem 17. Lebensjahr spielte ich als Saxofonist und Klarinettist im Rundfunk-Tanzorchester Leipzig, der führenden Bigband der Sowjetzone, mit bekannten Kollegen wie dem Trompeter Horst "Hackl" Fischer oder dem Schlagzeuger Fips Fleischer. Und 1950 bekam ich dann einen Job beim Rias-Tanzorchester in Berlin als Erster Saxofonist. Als ich von zu Hause wegging, fiel mir das alles andere als leicht. Ich musste an unsere Familie und meinen jüngeren Bruder Joachim denken, weil der völlig auf sich selbst gestellt war. Manchmal glaube ich: Er hätte mich vielleicht gerade in dieser Zeit gebraucht. Alles, was er heute ist, hat er deswegen ganz allein geschafft. Eine Möglichkeit für mich, wieder nach Hause zu kommen, war die Leipziger Messe. Bei einem dieser Besuche hörte ich zum ersten Mal Joachim mit seinem Trio, was mich unglaublich beeindruckte. Wir gründeten sofort ein Quartett und spielten ein paar Gigs in Halle oder Ost-Berlin. Das ging damals noch. Für mich war das eine Art Homecoming.

Theresa Köchl: Trotz aller Repressalien?

Kühn: Irgendwann hat die Politik in der DDR begonnen, Einfluss auf die Musik zu nehmen. Es gab diese Anordnung, dass ein Konzertprogramm mindestens zu 60 Prozent mit Stücken von DDR-Komponisten bestritten werden musste. Die Quote erhöhte sich irgendwann auf 70 und dann auf 80 Prozent. Das war ganz scheußlich! Das hat mich weggetrieben.

Reinhard Köchl: Erinnern Sie sich an den Tag, als Walter Ulbricht 1961 die Mauer bauen ließ?