Insoweit Musik noch verkauft und nicht gestreamt wird, freut sich der Handel über eine Neuerscheinung, die ein Hit zu werden verspricht. Knapp 34 Jahre nach den ursprünglichen Aufnahmen dazu kommt das neueste, letzte, verschollenste Album von Miles Davis heraus. Man könnte auch sagen: das unnötigste und peinlichste Album von Miles Davis, aber die herabsetzenden Attribute wären hier genauso unangebracht wie die jubelnden, denn Rubberband ist keine Platte von Miles Davis. Rubberband ist die Musik eines Untoten, die von Wegbegleitern und Nachfahren tiefergelegt wurde und nun unters Jungvolk geschoben wird, um dem großen Meister ein neues Publikum zu verschaffen – und zudem ein gutes Geschäft zu machen.

Aber braucht Miles Davis ein neues Publikum? Kein Jazzmusiker wäre bekannter als er. Kind of Blue aus dem Jahr 1959 gilt ausweislich vieler Umfragen als beste Jazzplatte aller Zeiten, die meistverkaufte ist sie zudem, mehr als vier Millionen Exemplare allein in den USA. Noch heute gehen jede Woche ein paar Tausend Stück weg.

Der Trompeter, Jahrgang 1926, von Haus aus kein Virtuose, verstand sein Spiel so zu reduzieren, dass es zeitweise mehr Farbe war als eine Folge von Tönen. Sein Sound wurde – im Klischee – zum Sound des Jazz schlechthin. Schlaflos in Manhattan, schwarze Nacht, schwarze Haut, weißer Rauch.

Miles Davis wusste die urbane Melancholie über die Jahrzehnte hinweg in unterschiedlichste Formen zu kleiden, vom kristallinen Cool Jazz bis zum brodelnden Jazzrock; ganz so, wie er selbst sich bis zu sechsmal am Tag umzog, eine Erscheinungsform mit der nächsten überschreibend. Stillstand stellte sich erst ein, als sein Gastspiel auf Erden endete, am 28. September 1991.

Man malt der "Mona Lisa" ja auch kein Handy in die Hand

Wollte man Jüngeren eine Platte von ihm empfehlen, wüsste man gar nicht, mit welcher der vor Rubberband erschienenen 86 Studioaufnahmen und Livemitschnitte man anfangen sollte. Sketches of Spain von 1960? Verführerische Trompete im Orchesterbett. In A Silent Way von 1969? Elektrisierendes, musikalisches Tantra. On The Corner von 1972? Hypnotisch-aggressiver Avantgarde-Funk. Oder lieber das schon zu Lebzeiten in einer Krise nachgereichte Nebenwerk Water Babies von 1977, dessen sanft verschobene Melodien sich den Hörenden auf ewig einschreiben?

Nun, welches Werk auch immer: Miles Davis muss nicht adaptiert werden. Man malt der Mona Lisa ja auch kein Handy in die Hand, damit sie Verbindung zur Jugend aufnehmen kann.

Genau das geschieht auf Rubberband. Die Liner Notes – die auf der Doppel-LP die gesamte Rückseite ausfüllen, wie um das große Damals zu beschwören – erzählen es so: Vor vier Jahren seien die Miles-Davis-Erben nach den zwischen Oktober 1985 und Januar 1986 aufgenommenen Bändern gefragt worden. Und Vince Wilburn Jr., Miles Neffe, gibt die Antwort: "Es wurde darüber gesprochen, die originalen Sessions zu veröffentlichen, aber sie klangen veraltet." So habe er das Gefühl gehabt, der Musik "einen weiteren Dreh" geben zu müssen. Seine beiden Miterben, Erin und Cheryl, Sohn und Tochter von Miles, waren einverstanden; zu dritt zeichnen sie verantwortlich für das Machwerk.