Man könnte jetzt im Einzelnen nacherzählen, mit welchen Zutaten Vince Wilburn jr. und seine Mittäter den Fragmenten in jahrelanger Kleinarbeit neuen Schwung verleihen wollten – bloß wäre es Zeitverschwendung. Zwar hört man die Trompete von Miles durch die soulig-poppigen Stücke irrlichtern, aber das Ergebnis ist bestenfalls als Remix zu bezeichnen. Da erhebt jetzt ihre Stimme etwa die Sängerin Ledisi, die zur Zeit der Sessions gerade mal 13 Jahre alt war. "Wir haben das Stück Rubberband of Life in eine Hip-Hop-Jazz-Richtung gebracht, so in der Anmutung von A Tribe Called Quest", wird der Co-Produzent Attala Zane Giles zitiert. Randy Hall, ein weiterer Co-Produzent, ergänzt, wer welche Grooves beisteuerte, wer die Lücken füllte, und dass Ledisi am Ende das Tüpfelchen auf dem I gewesen sei. Nicht besser werden die Manipulationen dadurch, dass Giles und Hall – wie Wilburn jr. – an den Sessions damals beteiligt waren.

"If you don’t mind, we'd like to play something for you", sagt Miles Davis zu Beginn von Paradise, dem verunglücktesten Song auf der Platte. Ob er eine Ahnung hatte, was seiner devoten Ankündigung Jahrzehnte später folgen würde? Eher nicht. Die Produzenten haben seine ewig heisere Stimme hier und da einfach mal hineingeschnitten, um die Authentizität zu erhöhen. Paradise erweist sich als ein ölfasstrommelgestütztes, harrybelafonteskes Karibikgerumpel mit einem Schuss Herb Alpert – in seiner kuriosen Rätselhaftigkeit wird es nur noch von seiner komischen Unfreiwilligkeit übertroffen.

Die Produzenten rechtfertigen ihre Leichenfledderei mit dem Drang von Miles Davis, zu Lebzeiten stets etwas Neues zu versuchen – als ob die Innovation von seinen Erben fortgeführt werden müsste. Wem hilft der frische Dreh? Versetzt er wenigstens Miles in seinem Grab in Rotation?

So sehr er seinen Neffen Vince Wilburn jr. liebte, so kritisch sah er dessen Musikalität. Mit sieben hatte er ihm ein Schlagzeug geschenkt, mit neun ihn einmal mit auf die Bühne genommen. Später machte er ihn zu seinem Drummer, es war die Zeit der Rubberband-Sessions.

Der Schlagzeuger, der keinen Rhythmus hatte

In seiner Autobiografie klagt Miles über Vince: "Er konnte nie das Tempo halten, und wenn ich irgendwas bei einem Schlagzeuger nicht ausstehen kann, ist es das. Ich versuchte es ihm jeden Abend von Neuem zu erklären. Er bemühte sich sehr und tat sein Bestes, aber ich wollte keine Entschuldigungen, ich wollte, dass er das Tempo hält. Besonders unangenehm war die Situation, weil er mein Neffe und für mich wie mein eigener Sohn war." Wenig später musste Vince gehen, der Schlagzeuger, der keinen Rhythmus hatte. Mitspielen durfte er nicht mehr, miterben schon.

Rubberband heißt Gummiband. Der gute, alte Miles Davis ist jetzt also ein Gummibandleader, vom Neffen posthum zurechtgezogen. Warum dieses Album nie veröffentlicht wurde, lässt sich unter den dicken Schichten des nachträglich Hinzugefügten und Verfremdeten noch erahnen. Warum es nun nicht als Remix, sondern unter dem Namen Miles Davis doch noch herauskommt, versteht sich hingegen von selbst.

"Rubberband" ist bei Warner als Doppelvinyl, CD und Download erschienen.