Wer in Deutschland eine Spaßband gründet, sollte es besser ernst damit meinen. Seeed aus Berlin beherzigen das seit mehr als 20 Jahren. Mit Tanz und Gebläse haben sie ihre Bigband im Lauf der Alben und Tourneen zur reibungslos surrenden Partymaschine ausgebaut. Die Handgriffe, Tanzschritte und Refrains sitzen, die Anzüge sowieso, selbst den einen oder anderen Porkpie-Hut hat man ihnen verziehen. Denn die Karriereleistung von Seeed ist enorm: Sie haben Reggae, Dancehall und sogar Ska jenes Ersti-Party-Flair ausgetrieben, das den Genres hierzulande traditionell anhaftete.

Nur einmal seit 1998 ist die Seriosität von Seeed in Gefahr geraten. Als der Sänger und Dichter Sebastian Erl im August 2003 unter dem Pseudonym Buddy mit der astreinen Partynummer Ab in den Süden einen Sommerhit landete, der das Publikum im Strandbad Heringsdorf bis heute erfreut, sah sich die Band zu einem Statement gezwungen. Wegen vager stimmlicher Ähnlichkeiten war damals in diversen Studi-VZ-Gruppen das Gerücht aufgekommen, es handle sich bei Buddy nicht etwa um einen Kölner Hobbymusiker aus der Gas-Wasser-Scheiße-Branche, sondern um den Seeed-Sänger und -Rapper Peter Fox. Beinahe beleidigt stellte die Band klar: Niemals würden wir einen derart doofen Song veröffentlichen.

Seit das geklärt ist, sind Seeed nicht mehr aufzuhalten. Mit jedem Album wird die Band größer und souveräner, immer mehr Menschen besuchen ihre immer komplizierter choreografierten Konzerte. Nun erscheint Bam Bam, die erste Seeed-LP seit sieben Jahren und dem letztjährigen Tod ihres Sängers Demba Nabé. Auch diesmal sollte es nichts zu rütteln geben am Status der zehn verbliebenen Musiker. Wer in Stadtparks Hängematten und Slacklines aufspannt, wer gern Festivalsteaks grillt und seine Hacky-Sack-Sammlung noch in irgendeiner Schublade aufgehoben hat, wird darin bestätigt, was er oder sie eh schon wusste: Album des Jahres, Party des Jahres, Konzerte des Jahres. Geilstes Leben ever sowieso.

Hätten Seeed aber spielerischer auf die damalige Buddy-Verwechslung reagiert, hätten sie vielleicht sogar subversives Potenzial darin erkannt – dann wären sie heute vielleicht nicht mehr Seeed, sondern Deichkind. Zur selben Zeit, in der die Berliner das Ding mit dem Ersti-Flair erledigten, befanden sich die Hamburger auf der Suche nach einer neuen Rolle im hiesigen Popgeschäft. Der psychedelisch angehauchte Kiffer-Rap ihrer ersten beiden Alben drohte zu verpuffen. Also beschlossen Deichkind, den Karren mit letzter Konsequenz vor die Wand zu fahren. Es folgte die Wiedergeburt als Deutschlands Band aus der Mülltüte.

Eine Zeit lang galt das sogar buchstäblich. Die Kostüme von Deichkind bestanden nach ihrer Verwandlung zunächst aus Plastiksäcken, erweitert um Neonapplikationen, Gesichtsbemalung und aufblasbare E-Gitarren. Mit wachsenden Bühnen und Budgets wich dieser Selbstschneider-Charme jedoch zunehmend elaborierten Verkleidungen und Aufbauten: Pyramidenschädel, Superbrain-Mützen, Daft-Punk-Helme, ein Schlauchboot für Crowdsurfversuche bei gemindertem Verletzungsrisiko. Nicht nur für die seriöse Spaßband Seeed müssen Deichkind bis heute wie ein Kindergeburtstag der Mittvierziger aussehen.

Dazu passend die Kernbotschaft, seit Remmidemmi und nunmehr 13 Jahren kaum variiert: Werft euch ins Getümmel oder gleich weg, verbraucht, was noch übrig ist von euch, arbeitet euch krank und feiert euch noch kranker, am besten mit uns, beim Open-Flair-Festival in Eschwege oder auf sonst irgendeiner stillgelegten Landebahn des Landes. Das Leben als Glück in Mülltüten – so ist das bei Deichkind, und so ist es natürlich auch wieder nicht. Denn schon immer war die Band Mitspielerin und Beobachterin zugleich im eigenen Exzesszirkus Maximus.