Solange Knowles hatte eine offene Frage schon vorab sozialmedial beantwortet, die man sich als Besucherin einer ihrer beiden Performances in der Elbphilharmonie in Hamburg vorher hatte stellen können. "Alle Besucher (beider Shows) werden gebeten, in ihrer besten schwarzen Kleidung zu erscheinen. Ich kann es kaum erwarten, diese neue Arbeit mit euch zu teilen": Diese Botschaft hatte sie auf Instagram gepostet und auf Twitter in kürzerer Form wiederholt. Witness! Composed and Directed by Solange Knowles hatte sie die beiden Abende betitelt, erhöhte Sicherheitsvorkehrungen herrschten, Fotografierverbot und also auch der Dresscode Schwarz. Solange, die Sängerin, Komponistin, Musikerin, die mit ihrem vierten Album A Seat at the Table vor drei Jahren endgültig aus dem künstlerischen Schatten ihrer älteren Schwester Beyoncé getreten war, bittet ihre Fans gerne einmal, sich für den Abend mit ihr besonders anzuziehen.

Bei An Ode To, ihrer Performance im New Yorker Guggenheim Museum vor knapp zwei Jahren, hatte sie sich vom Publikum gewünscht, dies möge von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet erscheinen. Es war dadurch selbst zu einem Teil der Show geworden, Teil einer Demonstration sogar, einer symbolischen Inbesitznahme. Solange hatte während ihres Auftritts wiederholt ihre schwarzen Fans direkt angesprochen: Diese Performance sei für sie gedacht, sie hätten das Recht, weiße Kulturinstitutionen zu ihren zu machen. Wir, sechs Besucherinnen der Elbphilharmonie am zweiten Abend, taten nun das gleiche: Wir waren eine von vielen Frauengruppen aus der afrikanischen Diaspora. Es gab viele weitere Gruppen wie unsere, die, wie wir wussten, ebenfalls aus Berlin oder aus Frankfurt, Hamburg, Amsterdam, sogar aus den USA angereist waren, um Solange live zu erleben. Um eine weiße Kulturinstitution zu unserer zu machen. Wenigstens für diesen Abend.

Bevor Solange und ihr 23-köpfiges Orchester die Bühne betraten, machten wir Gruppenfotos mit den anderen in schwarz gekleideten Gästen. Wir unterhielten uns darüber, wie unfair es uns gegenüber war, dass wir erst den zweiten Abend erleben durften: Weil unser Konzert ausverkauft gewesen war, war ein Zusatztermin anberaumt worden, der aber am Tag zuvor stattgefunden hatte (das Konzert hat gemischte Kritiken erhalten). Wir tauschten Nummern aus und hörten hinterher von einer Besucherin, die beide Shows erlebt hatte, dass die Energie am zweiten Abend sowohl auf der Bühne als auch im Publikum wesentlich positiver und liebevoller gewesen sei als bei der vorgezogenen Premiere.

Nun aber erschien Solange überhaupt erst einmal, mit einer gewissen Verspätung. Doch es gab weder Buhrufe noch sonstige negative Kommentare aus dem Publikum. Die Fans schienen deutlich in der Überzahl zu sein – im Gegensatz zum Vorabend.

Die Bühne der Elbphilharmonie war voll mit schwarzen Künstlern in pinken, eng anliegenden Anzügen und Kleidern. Sie spielten Blechblasinstrumente, Drums und Keyboards, tanzten im Hintergrund, sangen mit, während Solange von einem Ende der Bühne zum anderen lief. Sie warf ihre Haare durch die Luft, twerkte und lief ins Publikum, um gemeinsam mit ihren Fans zu singen.

Die Tatsache, dass wir dort waren

Für mich und offenbar viele andere war das der erste Besuch in der Elbphilharmonie. Die Tatsache, dass wir dort waren, um eine Show zu sehen, bei der ausschließlich schwarze Künstler auf der Bühne waren und in der das Schwarzsein auch explizit thematisiert wurde, machte diesen Besuch umso bedeutsamer. Nicht nur, weil Kunstinstitutionen eben überwiegend weiße Institutionen sind. Sondern weil im Publikum, inmitten von überwiegend weißen Gästen, auch viele Menschen waren, die so aussahen wie wir. Es war ein Ausnahmemoment, darin war sich unsere Gruppe einig. 

Solange performte Songs aus ihren letzten beiden Alben, nach A Seat at the Table ist zuletzt When I Get Home erschienen. Spätestens als sie den Song F.U.B.U. anstimmte, stand ein großer Teil des schwarzen Publikums auf, um mitzusingen und mitzutanzen. Der Songtitel ist angelehnt an das Streetwear-Label FUBU ("For Us By Us"), das in den Neunzigerjahren zunächst von Rappern in den USA getragen wurde. In dem Song wiederholt Solange mehrmals, dass manche Dinge nur "für uns" sind und nicht angefasst werden sollten – und mit "uns" waren ganz eindeutig schwarze Menschen gemeint. Sie singt darin auch, quasi als Trost: "Don't feel bad if you can't sing along, just be glad you got the whole wide world [...] Some shit you can't touch". Diejenigen also, die nicht mitsingen können, mögen sich nicht schlecht fühlen, sondern sollten sich darüber freuen, dass die ganze weite Welt ihnen gehört – aber dass manche Dinge davon eben ausgeschlossen sind.