Welch theatralische Königinnenrobe, in die sich Angel Olsen mit ihrer Leidensstimme hüllt. Stoffe aus samtenen Violinen, dramatisch gerafften Harmonien und brokatschweren Trommelschlägen umwallen sie im Eröffnungssong Lark. "Sich seine dunkelsten Seiten eingestehen, um die Kapazität für neue Liebe und das Vertrauen in Veränderungen zu finden, auch wenn du dich wie ein Fremder fühlst", so beschreibt die Sängerin aus Missouri die Entstehung ihres vierten Albums.

Was vor acht Jahren mit zerbrechlichem Indie-Folkrock begann, steigerte sich zuletzt auf My Woman zum kritischen Sezieren von Frauenrollenbildern zwischen Folktradition und Popmoderne. Jetzt errichtet Olsen auf ihrem Album All Mirrors plötzlich gewaltige Kulissen aus orchestralem Hall, Streicher- und Synthesizerbombast. Unterstützt von einem Stab aus Arrangeuren wechselte sie mehrmals das Konzept, bis statt des nackten Songwritings die voll ausstaffierte Version übrig blieb. Assoziationen zu Scott Walker und Phil Spector liegen nicht fern. Das Erstaunliche: Knapp bevor das Poptimbre zu weichgespült gerät, entsteigt Olsen dem Instrumentenorkan wie ein Phönix. Ihre Stimme schwillt an, fleht, schmettert und schlägt mit mehr Druck denn je in fordernde Elegie um: "Learn to look me in the eye yet I still don't feel it's me you're facing". Die Furie der Selbstzweifel ist zurück, nicht ohne einen Funken Hoffnung am finstersten Bassgeigenvibrato zu entzünden. Umso spannender der Hauch von Sechzigerjahrechanson im vorletzten Song Endgame – wer wollte da noch den Grad des Kitsches nachmessen.

Angel Olsen spielt auf All Mirrors mit den Dimensionen ihrer inneren Abgründe und pegelt das Volumen voll nach außen aus. Und sie ist derzeit nicht die einzige, die dafür den großen Klangkörper bemüht.

Die Kalifornierin Chelsea Wolfe, deren Vater Countrymusiker war, sucht und flieht ihren Dämon auf den schwarzen Schwingen von Gothic und Doom Metal. Was bei Olsen das Orchestrale, ist auf Wolfes bereits sechstem Album der breit anschwellende Dark Folk, der an Zola Jesus und Dead Can Dance erinnert. Angezählt von einem übersteuerten Mörderbass und lichtscheuen Beats geht es im Albumtitelsong Birth of Violence noch tiefer als tief hinab, Wolfes rauatmiger Sopran zielt jedoch in mystische Höhen. Als Erzählfigur dient ihr eine alte Frau, die in American Darkness mit dem Geist ihres verstorbenen Mannes tanzt. Die Geschichte der USA ist eine Geschichte der Gewalt und zieht sich durch von The Mother Road bis zum Dirt Universe. Dazu umflort ein seltsames Surren Wolfes schmerzvolle Poesie, wie vom Schwirrholz, einem altertümlichen Urinstrument. Hass und Zerstörung aus biblischen wie Tschernobylzeiten münden in Schulamokläufe und die Sorge um den Planeten. Doch es tauchen auch Kämpferinnen mit dem Willen zur Neuverortung gegen diesen Kanon des Bösen auf: "I want to be all things, warriors, newborns and queens".

In Be All Things leistet sich Wolfe eine gewisse Unentschlossenheit, der sie aber eine positive, im zarten Drama Erde betont weibliche Energie zuschreibt. Ähnliche Erkenntnisse, nur vom anderen Ende her gedacht, teilt auch Jenny Hval auf ihrem neuen Album The Practice Of Love mit: "I have to accept that I'm part of this human ecosystem, but I'm not the princess and I'm not the main character". Das Titelstück steht als Spoken-Word-Akt zwischen dem Ambient-Pop und den soften Elektrobeats der übrigen Stücke, bevor ein körperloser Synthiesound die Redeflusshelix verschluckt. Hvals Singstimme klingt daneben fast außerirdisch mädchenhaft. Doch die Osloer Schriftstellerin hat sich nicht ohne Grund als Avantgardemusikerin einen Namen gemacht. Insgeheim formen die Gespräche der Künstlerinnen Vivian Wang, Félicia Atkinson und Laura Jean Englert die Struktur unter dem plüschigen Trance-Trash. Eine mal als Palaver mal als Disput geführte Endlosunterhaltung über zum Beispiel die Absage an Individualitätswahn und Selbstoptimierung, mit Zwischenrufen von Hvals geliebtem Saxofon.

Einen weiten Weg hat sie hinter sich, von der Metal-Jugend zu Noise-Experimenten über das krachend pornopolitische Album Apocalypse, Girl bis zur morbiden Selbstermächtigung auf Blood Bitch, einem mit Menstruationsblut geschriebenen Splattersoundtrack für Vampirinnen. Jetzt darf sie auch mal die glockenhelle Popsirene sein, die sich Subversion vom philosophierenden Schattenchor einflüstern lässt.

Der Mythos von der einsamen Folksängerin hingegen wirkt am stärksten bei Chelsea Wolfe nach, die akustische Gitarre setzt in ihren Songs den Kontrapunkt zum düsteren Schwelgen. Gleichwohl überwindet sie, wie Olsen und Hval, das tradierte Image. Die drei Sibyllen, zwischen 32 und 39 Jahre alt, entwickeln ihre aktuellen Erzählungen vor einem opulenten melodischen Hintergrundrauschen. Für den Schaffensprozess ziehen sie sich, dem romantischen Ideal entsprechend, nach wie vor gelegentlich in die idyllische Abgeschiedenheit zurück. Am Ende jedoch verlässt die Introspektion die schalldichten Schutzräume. Vielleicht ist das ein neues Gefühl vom Im-Strom-der-Zeit-Angekommensein: mit der eigenen Stimme die Wall of Sound reiten, ohne darin unterzugehen.

"All Mirrors" von Angel Olsen erscheint am 4. Oktober bei Jagjaguwar. "Birth of Violence" von Chelsea Wolfe ist bei Sargent House erschienen, "The Practise Of Love" von Jenny Hval bei Sacred Bones.