Verbote sind immer nur so viel wert wie ihre Durchsetzung – wer daran zweifelt, schaue sich mal eine zugeparkte Busspur im Berliner Feierabendverkehr an. Nun hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig nach langer Streitigkeit das Urteil der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien bekräftigt, wonach Bushidos 2014er-Album Sonny Black wegen allerlei "Nutten", "Bitches", "Hurensöhnen" und "Drecksbullen" nicht an Minderjährige verkauft werden darf. Aus diesem Anlass erscheint es nur angebracht, über den Sinn derartiger Indizierungen grundsätzlicher nachzudenken.

"Schon in den 1980er-Jahren hat die Indizierung nicht funktioniert, heute, im digitalen Zeitalter, ist das ein Witz", sagte Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut der Deutschen Presse-Agentur und hat damit natürlich vollkommen recht. Wobei das Wort "Witz" semantisch dankenswerterweise gleich die Möglichkeit in sich trägt, dass es sich auch um einen guten handeln könnte.

Der deutsche Jugendschutzindex hat ja im Grunde immer gewirkt wie die Parental-Advisory-Sticker aus den USA, als zuverlässiger Wegweiser zu den wirklich interessanten Inhalten. Die Jugend weiß schon selbst am besten, womit sie sich verderben will. Und was überm Tresen verboten ist, wird unterm Tresen umso eifriger gehandelt. Einige haben aus dieser Etikettierung immerhin etwas durchaus Vernünftiges gemacht. Ohne das Gütesiegel der Bundesprüfstelle für die frühen Inzest- und Sodomiereferenzen der Band Die Ärzte und den damit einhergehenden Bekanntheitsschub hätte ein paar Jahre später nicht eine ganze Generation den Nazis ein fröhliches "Arschloch" ins Gesicht gebrüllt. Auch so, könnte man sagen, funktioniert populäre Kultur.

Dementsprechend kann der Appell an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien heute nur lauten: Bitte mehr indizieren! Aber richtig, mit Blick auf gesellschaftlichen Frieden und Demokratiebildung. Sollen sich die Straßenrapper gern unverboten in ihrer Sexismus-Antisemitismus-Homophobie-Kloake suhlen – das interessiert keinen halbwegs freshen Heranwachsenden mehr, wenn er sich ins aufregende Darknet bewegen muss, um das neuste Element-of-Crime-Album zu saugen. Den umraunten Geheimauftritten von hart rechtsdrehenden Bands etwas Wirkungsvolles entgegensetzen? Ruhig mal wieder Feine Sahne Fischfilet verbieten.

In Zeiten, da ein Viertel der Unter-30-Jährigen mancher Bundesländer  Faschisten zur stärksten Kraft ihrer Kohorte gewählt haben, könnte nichts wirksamer sein gegen das irreführende Gerede von linker Diskursdominanz als ein bisschen Unterdrückung gegen progressive Akteure. Sofort gibt's satte Solidarität von allen, die ein reflexhaftes Misstrauen gegenüber rechtsstaatlichen Eingriffen hegen – egal wofür und wogegen die sich nun eigentlich richten.

Und da geht noch mehr, zumal, wenn man aus der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien endlich eine generationen- und medienübergreifende Zensurbehörde macht. Die Diskussion um den Schriftsteller Peter Handke leidet darunter, dass niemand seine Werke richtig liest? Indizieren! Niemand interessiert sich für die zeitgenössischen Opern von Sofia Gubaidulina? Indizieren! Der sehr gute Verbrecher Verlag verdient noch mehr Aufmerksamkeit? Indizieren, schon allein wegen des Namens! Die neue ZEIT ist wieder so einschüchternd dick? Sofort indizieren – natürlich erst nach Auslieferung.

"Was ist nur aus dem Land der Dichter und Denker geworden?", fragen eher konservativ gesinnte Menschen in deutschen Onlinediskussionen gern, wenn sie ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen möchten. Die Frage ist natürlich rhetorisch gestellt und verlangt nach keiner Antwort. Wie Deutschland aber wieder das Land der Dichter und Denker werden kann, ist hiermit geklärt: Man muss sie einfach alle verbieten.