Die Geisternote ist das schönste, geheimnisvollste Wort, das es im Schlagzeugspiel gibt. Eine sanfte Berührung der Snare mit dem Stick, ein Räuspern des Schlagfells, ein Windhauch im Groove. Ginger Baker spielte sie meisterhaft, und manchmal viele hintereinander, damit sie zu einem Summen anschwollen, als fliege gleich ein Bienenschwarm aus seinem Drumset.

Zur Tragik von Ginger Baker gehörte, dass seine musikalische Begabung irgendwann selbst zur Geisternote in einem Lied wurde, das von etwas ganz anderem handelte als von seinem Talent. Berühmt geworden ist die Anfangsszene aus dem Dokumentarfilm Beware of Mr. Baker (2012), in der Baker, mittlerweile Anfang 70, dem Regisseur Jay Bulger mit einem Hieb seiner Eisenkrücke die Nase bricht und brüllt, er würde ihn ins Krankenhaus prügeln. Man kann Baker in diesem Film sehen, mit Sonnenbrille in einem Ledersessel, der zornige alte Mann, der die Rockmusik von einst überlebt hat und auch ein bisschen sich selbst, den Star, für den er sich noch immer hielt, aber als den man sich ihn gar nicht mehr vorstellen konnte: Als diesen Mann mit den unwirschen roten Haaren, diesem unwirschen Blick und diesen bunten Hemden, der fraglos zu den größten Schlagzeugstilisten seiner Zeit gehörte. Wegen seiner Impulsivität, seiner exzentrischen und wuchtigen Artikulation, seiner Improvisationsgabe, seiner Polyrhythmen, seines exzessiven Einsatzes der Toms, und wegen seiner zwei Bassdrums, mit denen er sich gegen die Hochleistungsverstärker wehrte, die seine Bandkollegen von Cream, Eric Clapton und Jack Bruce, auf der Bühne türmten – all das hatte man in der Rockmusik der Sechzigerjahre so noch nicht gehört. 

Peter Edward "Ginger" Baker, geboren 1939, Sohn aus armen Londoner Verhältnissen. Für sein erstes Vorspiel bei einer Dixielandband, so geht eine Legende in Bakers an Legenden nicht armem Leben, hat er sich ein Set aus Keksdosen gebaut. So fing es dann wohl an. In den Londoner Jazzclubs galt er schnell als der beste Schlagzeuger der Stadt, da war er nicht einmal Mitte 20. Baker platzte in eine Epoche, in der die bekanntesten britischen Drummer Ringo Starr und Charlie Watts hießen, die beide für ihre Bands, The Beatles und The Rolling Stones, bekannt waren, aber nicht unbedingt für ihre Virtuosität.

Cream 1968 in New York: Eric Clapton, Ginger Baker und Jack Bruce © Michael Ochs Archives/​Getty Images

Ganz anders dann die Band Cream: Clapton, Bruce und eben Baker. Drei Menschen, die sich einander nicht genial finden konnten, sondern meistens nur sich allein. Ginger Baker hielt sich natürlich für den genialsten von allen. An seinem Instrument ohnehin. Seinen Mentor Phil Seamen ließ er gelten, auch Art Blakey und Elvin Jones. Baker führte als einer der ersten das Drumsolo in die Rockmusik ein, dort ist es bis heute geblieben als Majestätsnachweis jedes Schlagzeugers, freilich heute oft technisch verfeinerter, komplizierter, schneller, länger und auch oft angeberischer als zu Bakers Zeiten. Creams Instrumentalstück Toad ist noch heute grandios, von Baker für Baker geschrieben, in dem sich all die Spontaneität, die Dynamik und Ausdrucksstärke, all das Zeitgefühl dieses Musikers zeigten. Der oft so zurückgelehnt spielte, der seine Schläge oft so aufreizend hinter den Takt zog, dass man es für Faulheit halten konnte, wenn man nicht genau hinhörte. Und der auch sagte: "Ich liebe Explosionen!" 

Die unendliche, leidliche Frage, wer nun rückblickend der beste Rockschlagzeuger aller Zeiten gewesen sei, er oder Keith Moon von The Who oder doch John Bonham von Led Zeppelin, hätte er selbstredend mit seinem Namen beantwortet, wobei er sich die Bezeichnung als Rockschlagzeuger nicht hätte gefallen lassen. 

Baker bestand darauf, aus dem Jazz zu kommen. Rock, das war ihm zu vulgär, obwohl sein Einfluss auf dieses Genre nicht hoch genug zu schätzen ist. Obwohl sein Leben selbst oft weniger mit den ätherischen Engelsbezirken der Kunst zu tun hatte: da waren das Heroin, die kaputtgefahrenen Autos, das verprasste Geld, die zerrütteten Beziehungen; Baker, ein cholerischer, zorniger Kettenraucher des Augenblicks, der es nirgends lange aushielt und um sich herum nur Arschlöcher und Dummköpfe sah. Er fuhr, Anfang der Siebziger, nach Nigeria, um die afrikanischen Rhythmen zu studieren. Er spielte mit Fela Kuti, dem Erfinder des Afrobeat, betrieb einen Nachtclub in Lagos und wurde von der Stadtregierung aus dem Land gejagt. Die jüngeren Geschichten über Baker handelten leider nicht mehr von ihm als Schlagzeuger, sondern von Herzoperationen, von Arthrose, von abgebrochenen Interviews, von verworfenen Bandprojekten und gescheiterten Wiedervereinigungen, geschätzten Millionen von Zigaretten. Und sie handelten von ihm als ein den Drogen entflohener Olivenfarmbesitzer oder erfolgloser Polopferdezüchter, der sich dann hinter seine Trommeln setzte, wenn er dringend Geld brauchte und in den Klatschspalten besonders berühmt dafür war, noch nicht tot zu sein.

Nun ist Ginger Baker im Alter von 80 Jahren gestorben. Wo er hingeht, spielt John Bonham schon eine Weile seine Donnerhalltriolen und Keith Moon zerschlägt dort weiter seine Drumsets. Vielleicht warten sie schon auf ihn, den Teufel mit den roten Haaren. Und im Himmel ist genug Platz und Zeit für ein großes, unendliches Drumsolo, und ja, auch sehr viele Geisternoten.