Guy Chambers hat eine kuriose Karriere erlebt als Songschreiber. Bis Mitte 30 ziemlich erfolglos, dann traf er im Jahr 1997 Robbie Williams, der gerade bei der Boyband Take That hochkant rausgeflogen war. Da hatten sich zwei gefunden. Sie schrieben zusammen Millionenhits wie "Angels", "Millennium", "Rock DJ", "Eternity", "Feel" – dann flog Chambers im Jahr 2002 hochkant raus aus dem Williams-Zirkus. Er schrieb noch für viele andere Sänger und Sängerinnen gute Songs. Aber so groß wie die mit Williams verfassten waren sie nicht mehr.

Mittlerweile ist Chambers 56 Jahre alt. Nun haben die längst miteinander versöhnten Chambers und Williams zusammen die Musik zum Musical "The Boy in the Dress" geschrieben, das am 8. November im Royal Shakespeare Theatre in Stratford-Upon-Avon Premiere feiert. Dieses Interview fand vor einem Klavierkonzert von Chambers in Berlin statt.

ZEIT ONLINE: Mister Chambers, woran erkennt man eigentlich einen guten Song?

Guy Chambers: Meine Mutter sagte immer: "Wenn der Milchmann einen Song pfeifen kann, ist es ein guter Song." Ich glaube, dieser Milchmanntest funktioniert. Einen Popsong sollte man nach einmal Hören im Ohr haben. Nicht den ganzen Song, aber wenigstens eine der Hooks, der eingängigen Stellen. Denn gute Songs haben mehr als eine Hook. Björn und Benny von Abba sagten immer, ein Song müsse wenigstens fünf Hooks haben. Also: ein Popsong. Wenn wir von Bob Dylan sprechen, ist es etwas anderes. Das ist Poesie, keine Popmusik.

ZEIT ONLINE: Die muss also einfach sein und originell?

Chambers: Originell ist schwierig. Originell sein zu wollen, damit setzt man sich selbst ein hohes Ziel. Ich versuche das natürlich. Vor ein paar Jahren haben Robbie Williams und ich Party Like a Russian zusammen geschrieben, und den Song finde ich tatsächlich originell, ich war sehr zufrieden mit mir. Der Song wurde natürlich kein großer Hit. Vermutlich, weil er zu originell war.

ZEIT ONLINE: Aber was die Hooks angeht … Kann es auch zu viele davon geben in einem Song? Nehmen Sie Good Vibrations von den Beach Boys. Vernunftbegabte Musiker hätten daraus fünf Lieder gemacht. Gibt es ein Zuviel an Melodien zum Mitpfeifen, wo es dann zur Protzerei wird? 

Chambers: Ein Popsong kann niemals zu viele Hooks haben. Bei Abba ist sogar in jeder Basslinie eine Hook drin. Abba waren so etwas wie Michelangelo für den Pop.

ZEIT ONLINE: Wenn Abba die Michelangelo des Pop sind, wer wären Sie?

Chambers: Hmmm.

ZEIT ONLINE: Der David Hockney des Pop?

Chambers: Ich liebe David Hockney. Aber ich würde mich niemals mit ihm vergleichen. Das wäre dann doch etwas unsympathisch, nicht?

ZEIT ONLINE: Sie haben in diesem Jahr das Soloalbum Go Gently Into the Light herausgebracht, für das Sie die alten Lieder, die Sie gemeinsam mit Robbie Williams geschrieben haben, noch einmal auf dem Klavier eingespielt haben. Wie fanden Sie die Songs jetzt? Ausreichend Hooks?

Chambers: Ich habe in den Liedern Dinge gefunden, von denen ich gar nicht wusste, dass sie drin waren. Kleine musikalische Geheimnisse. Wenn man die ganze ursprüngliche Produktion drum herum weglässt und die Stimme, erkennt man, dass die Lieder oft eine enorme Tiefe besitzen.

ZEIT ONLINE: Was sind die großen Geheimnisse eines Chambers-Williams-Songs?

Chambers: Viele ähneln Folksongs. Sie haben eben eine schöne Einfachheit an sich. Auch wenn man sie auf dem Klavier ohne jeden Schnickschnack und ohne Verzierungen spielt, funktionieren sie noch. Das fand ich beim Wiederaufnehmen sehr erfreulich. Dass die Melodien und Harmonien stark sind, das war mir schon vorher klar, das ist ja offensichtlich. Einige Harmonien habe ich aber etwas geändert, damit es einem beim Zuhören nicht langweilig wird.

ZEIT ONLINE: Sie waren ein ausgebildeter Musiker mit einer durchwachsenen Karriere, ein paar Platten, ein paar Band-Mitgliedschaften, als Sie Robbie Williams kennenlernten. Er war ein Ex-Boyband-Mitglied. Sie beide waren ein ziemliches odd couple als Songschreiberduo.

Chambers: Es war perfektes Timing, als wir uns trafen. Für mich war es fast schon zu spät, ich war kurz davor, es mit der Musik aufzugeben. Das Dach meiner Wohnung war undicht, es regnete rein, ich konnte meine Hypothekenzahlungen nicht mehr leisten. Ich überlegte bereits, eine Anstellung als Musiklehrer anzunehmen. Ich hatte schon als Jugendlicher Kindern und Erwachsenen Gitarrenunterricht gegeben, zum Musiklehrer hätte es also reichen müssen. Dann kam der Anruf, ob ich mit Robbie Williams zusammenarbeiten wolle. Es war ein Akt Gottes oder so etwas Ähnliches.

ZEIT ONLINE: Er hat Sie gerettet?

Chambers: Das hat er. Und ich habe ihn gerettet. Es war gegenseitige Abhängigkeit bei uns. Es stimmt, er war ebenfalls in Schwierigkeiten. Doch er hatte die Zeit auf seiner Seite, er war erst 22 Jahre alt, ich war 34. Es war Teil der Magie, dass wir einander brauchten.

ZEIT ONLINE: Sie haben als sein Songschreiber-Partner wesentlich zu seinem Aufstieg als Solokünstler beigetragen. Das muss ein ganz schöner Ritt gewesen sein in den ersten Jahren.

Chambers: Das kann man so sagen. Die ersten fünf Jahre waren eine ziemlich intensive Zeit. Aber ich habe den Ritt sehr genossen. Es war aufregend. Wir haben bei, nun ja, nicht null begonnen. Aber die Anfänge waren schon überschaubar. Unser erstes gemeinsames Konzert fand in einer Halle statt, in die vielleicht 800 Leute gepasst haben. Fünf Jahre später haben wir in Fußballstadien gespielt. Das ging rasend schnell, jedenfalls habe ich es so empfunden. Wir haben fünf Alben zusammen gemacht in der Zeit, wir waren laufend auf Promotion-Reisen oder sind getourt. Es war harte Arbeit.