Einigkeit und Recht und der Zukunft zugewandt – Seite 1

In unserer neuen Reihe "Und jetzt Jazz!" schreibt der ZEIT-Reporter Ulrich Stock in loser Folge über Musiken am Rande der medialen Aufmerksamkeit. Jeder Text kann gelesen werden als Teil einer unendlichen Recherche über Jazzdenken, Jazzmachen und Jazzleben. Zum Auftakt eine Fahrt ins Bergische Land zum Pianisten Hans Lüdemann.

Wenn Hans Lüdemann im Konzert Fahrt aufnimmt, fällt ihm eine jugendliche Strähne ins Gesicht. © Norbert Krampf/​Volker Beushausen

… wobei sechs Stunden zwanzig von Hamburg nach Köln selbst für die Deutsche Bahn eine lange Zeit sind, dann am Hauptbahnhof noch Umsteigen in den Schnellbus, übern Rhein rüber nach Bergisch Gladbach, Haltestelle Frankenforst, und da kommt mir auf dem Gehweg auch schon Hans Lüdemann entgegen, die Hand zum Gruß erhoben, allein würde ich das Studio ja kaum finden, und in der Tat, wir eilen nachmittags um fünf unter herbstlichem Laub an prachtvollen Villen vorbei, über einen verschachtelten Hof mit Garagen, um eine Ecke herum, da steht im Erdgeschoss eine Tür offen. Ein winziger Raum, Bildschirme, Regler und Kabel, das Reich von Stefan Deistler, dem Tonmeister.

Eigentlich bin ich hergekommen, um mit Hans Lüdemann über die deutschen Nationalhymnen zu sprechen, denen er sich in besonderer Weise widmet, und das Studio sollte nur unser Treffpunkt sein, aber wie das so ist im Leben, in der Deutschen Bahn oder im Jazz: Alles braucht seine Zeit.

Stefan und Hans – wie zwei Bobfahrer sitzen sie hintereinander auf ihren Hockern, die Köpfe genau in der Mitte zwischen den Boxen, um zu hören, ob das Abzumischende auch gut in der Balance sei.

Lüdemann, der Pianist, hat im Kölner Loft mit seinem Trio Ivoire und einigen Gästen gerade ein neues Album aufgenommen, anspruchsvolles Material, Piano, Schlagzeug, Balafon, dazu Bass und Saxofon, drei Singstimmen on top, da gibt es viel zu justieren. Wieder und wieder hören der Musiker und sein Mixer kritische Passagen ab, dann wird hier ein wenig Hall hinzugefügt, dort eine Stimme etwas leiser gedreht, während pastellfarbene Signalzapfen auf dem Schirm leuchten. Zwischendurch gibt es schwarzen Tee, Bananen, Weingummi, Lebkuchen – was man so zu sich nimmt, um die Ohren zu stärken.

Zwei Tage aufnehmen, zweieinhalb Tage mischen, das sei die Faustregel beim Jazzplattenmachen, hier dauert es länger, an diesem Tag schaffen die beiden gerade mal drei der zwölf Stücke des Albums, das im Frühjahr erscheinen soll. Wer die Platte später hören wird, kann sicher sein, dass an jedem Detail gefeilt wurde, auch wenn die Feinstarbeit für die allermeisten Jazzfans unterhalb ihrer Wahrnehmungsschwelle liegen wird. Aber in der Musik gilt, was in aller Kunst und aller Schrift gilt: Viele Ungenauigkeiten würden sich zu einem diffusen Eindruck summieren, den diese beiden auf jeden Fall vermeiden wollen.

Abtauchen ins Jahr des Mauerfalls

Lüdemann, den ich in einem Artikel übers Hamburger Elbjazz-Festival mal salopp als "Seniorpianisten" bezeichnet habe, ist einerseits mit Ende 50 nach Jahrzehnten in der Musik immens erfahren, trägt andererseits diese jugendliche Strähne, die ihm, wenn er im Konzert Fahrt aufnimmt, schnell in die Stirn fällt, und hat überhaupt eine große Frische, was die Neugier und den Gestaltungsdrang angeht. Afrikanische Musik und Instrumente hier, vierteltönige Ausflüge mit einer zweiten, stimmversetzten Samplertastatur am Flügel da, unterwegs zu klanglichen Pointen jenseits von Blues und Blue Notes. Darüber wollen wir aber heute nicht reden!

Sondern über zwei sehr deutsche Musiken. Nach zwei Stunden im Studio fahren wir in seinem Wagen die paar Kilometer zu ihm nach Hause, nach Hoffnungsthal, einen Ort, den seine Hörer von den Platten her kennen, denn er verfasst gern selbst die Liner Notes und schreibt dann immer den Ortsnamen untendrunter. Hoffnungsthal, im November – das versteht er ganz positiv.

Wir setzen uns ins Erdgeschoss seines Hauses, über uns die Familie, neben uns das Musikzimmer mit dem Flügel, und tauchen in die Vergangenheit ab, in das Jahr des Mauerfalls. Er sei ja unglaublich bewegt gewesen damals!

Lüdemann hatte im Herbst noch auf einem Festival in Leipzig gespielt, eine Wahnsinnsatmosphäre, diese ganze Euphorie, die Republikflüchtlinge in der Botschaft in Prag, die Montagsdemos, Gespräche in jedem Laden. Als es dann passiert ist, Schabowski, Krenz, der Mauerfall, da habe er zu Haus den ganzen Tag nur am Fernseher gehangen.

Und dann, gleich 1991, mit seiner Frau und dem Töchterchen der Sommerurlaub in Brandenburg, im Flecken Zechlin, eine Ferienwohnung mit Pappwänden, sie hätten im Stechlinsee gebadet, Fontane!, und seien in Rheinsberg gewesen, Tucholsky!, und überhaupt sind sie wegen der klingenden Ortsnamen hingefahren, das Land hörte sich gut an, dabei alles ärmlich, vieles kaputt, heruntergekommen, selbst das preußische Schloss vom alten Fritz, sehr schön, sehr heruntergekommen. Der Verfall überall sichtbar, aber ihnen hat es trotzdem gefallen. Das Ärmliche störte sie nicht, es hatte Charme.

Die Hymnenkollision

Einige Jahre später geht er mit seinem Freund Tata Dindin aus Gambia auf Tour, in Brandenburg, Cottbus, da habe er sich schon gefragt, ob der Mann mit der Kora sich hier wohl wohlfühlt? Der sei aber ganz angetan gewesen, habe die ostdeutschen Städte schöner als die westdeutschen gefunden, ein bisschen wie in Afrika, weil eben nicht perfekt.

Und – gab es negative Erlebnisse da? Nö.

Lüdemann stammt übrigens, und nech, aus Hamburch, und am Telefon sagt er moin, wenn er weiß, dass das am anderen Ende zu jeder Tageszeit verstanden wird.

Negative Erlebnisse, na ja: dann doch. Als er mit seiner Band RISM unterwegs ist in Ostberlin kurz nach der Wende, als sie vom Ostbahnhof ein Taxi zum legendären Franz-Club nehmen wollen – den gibt’s längst nicht mehr –, da sieht ein Taxifahrer den Marc Lehan aus Köln, den Schlagzeuger, der auch eine dunkle Haut hat, und nimmt die Musiker nicht mit. Auch mit Aly Keita, dem Balafon-Virtuosen aus der Elfenbeinküste, habe er Dinge erlebt: dieses immer wieder Angestarrtwerden, das sei schon unangenehm.

Jetzt nähern wir uns den Hymnen! Der Hymnenkollision. Dem Verschnitt. Der Synthese. Es geschieht im Jahr drei nach der Wende, die Euphorie des Aufbruchs ist schon verflogen, als der Pianist und Komponist Hans Lüdemann seinem Verdruss über gewisse Aspekte der sogenannten Wiedervereinigung eine Form geben will. Da wird jetzt, so empfindet er es damals, einfach holterdipolter das Westliche dem Östlichen übergestülpt, statt es zu integrieren und wertzuschätzen, auch musikalisch!

Unwohlsein befeuert seine Kreativität

So eine große Veränderung im Deutschen, der sanglich und klanglich nicht entsprochen wird! Stattdessen wird die alte Westhymne – Einigkeit und Recht und Freiheit – zu Joseph Haydns Melodie einfach weitergesungen! Eine Hymne, die noch dazu von Nazis missbraucht wird, die immerfort die erste Strophe singen! Das geht doch nicht, findet der junge Hans Lüdemann.

Die DDR-Hymne demgegenüber: von Hanns Eisler komponiert, einem Schüler von Arnold Schönberg, und Lüdemann liebt Schönberg, und im Text von Johannes R. Becher wird sogar Deutschland einig Vaterland beschworen, weshalb der Text in den letzten DDR-Jahren bei offiziellen Anlässen weggelassen wurde, die Hymne gewissermaßen verstummte, instrumentalisiert wurde. Einig Vaterland, das war zu viel fürs Politbüro.

So eine herrliche Hymne, sagt er, wie kann man die ignorieren? Entweder hätte man die DDR-Hymne nehmen können als künftige Nationalhymne oder – wenn denn nicht – etwas Neues von einem zeitgenössischen Komponisten!

Das Unwohlsein befeuert die Kreativität. Der Westdeutsche Hans Lüdemann nimmt sich der beiden deutschen Nationalhymnen an und probiert mal selber: Lassen sie sich vielleicht vereinigen?

Erstaunt stellt er fest, wie gut das geht. Ruck, zuck hat er Die Vereinigung / The Unification konzipiert, einen Versuch in drei Teilen: I Die Lieder der Deutschen, II Engführung, III Schnell und schmerzhaft.

Im ersten Teil hat er die Hymnen zerschnitten und neu kombiniert, im zweiten Teil übereinander geschichtet, polyphon, gleichzeitig, eine musikalische Vereinigung in echter Harmonie – verblüffend, wie Lüdemann findet. Aber der dritte Teil! Da kracht's. Da wird die emotionale Seite verarbeitet, punkig und trashig.

Sein Quartett RISM mit ihm am Klavier, Marc Ducret an der Gitarre, Hartmut Kracht am Bass und dem fürs Taxi zu schwarzen Marc Lehan am Schlagzeug hat das Stück auf UnitaRISM eingespielt, einem Album, das 1994 erscheint. Auch auf Konzerten spielen sie es damals, und die Wirkung ist unerwartet. Empört verlassen Leute den Saal. Die einen sagen, sie hätten es nicht ausgehalten – das Nationale reicht dann doch tief ins Persönliche. Die anderen wollen beim Jazz partout keine Nationalhymnen hören, so weit kommt's noch!

Eine neue Version 30 Jahre später

Lüdemann hat viel über Eisler gelesen. Eisler habe die Haydn-Hymne konsultiert, sagt er. Da gebe es eine Art verwandter Phrasenbildung, ähnliche Bögen, zum Teil im gleichen Tonumfang, einen verwandten Gestus! Es sei sehr plausibel, dass Eisler Haydn beim Komponieren tatsächlich im Ohr gehabt habe. Bitteschön: in keiner Weise kopiert, aber im Geiste ähnlich.

Und ist Eisler (1889–1962) nicht viel näher an uns dran als Haydn (1732–1809)? Eisler, harmonisch unheimlich interessant, ein toller Melodiker. Auch die politische Haltung, so leidenschaftlich und interessant. Ein deutsch-jüdischer Komponist, in Wien aufgewachsen, mit Wiener Schmäh, der nach Hollywood auswandert und dann in der DDR Staatskomponist wird. Eisler verkörpert doch mehr von der deutschen Gegenwartsgeschichte als der Monarchist Haydn, dessen Hymne ursprünglich dem österreichischen Kaiser gewidmet war: Gott erhalte Franz, den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz! Eine Zeile, der erst bei der Fußball-WM 2006 wieder ein gewisser Sinn zukam.

Dafür ist Eisler natürlich behaftet mit dem Makel des Kommunismus: ein Repräsentant des DDR-Regimes. So war und ist es nicht denkbar, dass seine Hymne unser aller Hymne werden könnte. Auf eine Art, sagt Hans Lüdemann, sei das eine Tragik, wenn man die Musik als Musik nehme, so wunderbar.

Und nun?

Im Grunde müsste man immer noch versuchen, eine neue Hymne zu komponieren. Aber er wisse nicht, wer das heute tun könnte. Vielleicht sollte man einen Wettbewerb ausschreiben?

Seine Wut ist im Übrigen verflogen. Heute empfindet er eher Dankbarkeit für den Moment der Wiedervereinigung, die ihm, einem Parteimitglied der Grünen, im Rückblick wie ein Wunder erscheint. Dass der Helmut Kohl das so begriffen hat und die Macht hatte, es durchzuziehen. Später wäre es vielleicht zu spät gewesen!

So setzt sich Hans Lüdemann, 30 Jahre danach, noch einmal an den Flügel, in seinem Musikzimmer, und spielt uns eine neue Version seiner Doppelhymne ein, solo diesmal, aber wieder in drei Teilen. Sie klingen nachdenklicher, ruhiger, desillusionierter als damals. Der erste Teil und der zweite Teil gehen ihm rasch von der Hand; vom dritten Teil nimmt er fünf, sechs Takes auf, bis er sich für einen entscheidet: Die emotionale Seite scheint die schwierigste Seite der Vereinigung zu sein, bis heute.

Bleiben Teil eins und zwei nah an den originalen Hymnen, entfernt sich Teil drei weit vom Material. Nach viereinhalb Minuten setzt ein Tremolo ein, aus dem sich eine Musique Mécanique zu lösen scheint, tanzend im Takt der industriellen Serienfertigung, so repetitiv wie Kraftwerk, so beschwingt wie afrikanischer Township Jazz.

Die Neuaufnahme endet, das ist ihm wichtig, mit der ostdeutschen Hymne, und der Zukunft zugewandt, dazu lebe er ja in Hoffnungsthal, jenem Stadtteil von Rösrath, in dem es inzwischen auf Mitternacht zugeht, und gleich fährt die letzte Regionalbahn. Hans Lüdemann bringt mich noch, sind nur fünf Minuten zu Fuß, und am Gleis sehen wir aus schwarzer Tiefe an der roten Lok drei goldene Lichter sich nähern, und beim Abschied erzählt er mir noch, zu welcher frühen Stunde er am nächsten Morgen …