Zwei Tage vor der geplanten Veröffentlichung seines neuen Albums saß Kanye West auf einer Ranch in Wyoming und referierte über Fleece und Baumwolle. Die ultimative Faser wolle er anpflanzen und verarbeiten, vielleicht hier in Wyoming, vielleicht auch irgendwo anders in den USA, wo im Sinne größtmöglicher Nachhaltigkeit und Vaterlandsliebe bald alles produziert werden soll, was der Musiker und Modeschöpfer an Songs, Turnschuhen und untragbarer Kleidung ersinnt. So erzählte er es dem Journalisten Zane Lowe, der eigens für einen Zwei-Stunden-Plausch aus Los Angeles angekarrt worden war. Das Album, das die Unterhaltung der beiden Männer nur am Rande streifte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig.

Ernten und säen, züchten und bewässern, das sind dieser Tage die Lieblingsvokabeln von West. Früher hätte er sich vielleicht mit Dan Barber verglichen, einem Sternekoch aus New York, der dafür bekannt ist, auf seiner eigenen Farm im Dreck herumzukriechen, um irgendwann die perfekte Tomate abzubauen. Doch die Zeiten der interdisziplinären Schwanzvergleiche sind vorbei. Steve Jobs ist tot, Michael Jackson geächtet, Michael Jordan als Basketballteambesitzer auf die Nase gefallen. Übrig und gültig ist nur noch Jesus: als Vorbild, bester Freund und letztgültiger Maßstab des Alleskünstlers und -könners Kanye West.

Im Pop heißt das normalerweise nichts Gutes. Bei West heißt es zunächst einmal Jesus is King. Mit seinem neunten Album, das nach den mittlerweile obligatorischen Verschiebungen und Verspätungen am frühen Freitagabend mitteleuropäischer Sommerzeit erschienen ist, krönt der Künstler eine Hingabe an das Christentum, die er im Lauf des Jahres mit wöchentlichen Worship-Events, den sogenannten Sunday Services, vorbereitet hatte. Gesungen und gepredigt wurde bei diesen Veranstaltungen, geklatscht, getanzt und manchmal auch gerappt. Von Kingston in Jamaika bis zum Coachella-Festival in der kalifornischen Wüste. Jesus is King ist das musikalische Hausaufgabenheft zu diesem Programm.

Mit einem aufgescheuchten Gospelchor beginnt das Album, Musik und Gemüter sind gleich auf 180. Dann gleich der Track Selah hinterher, Kirchenorgel, Bibelzitatbingo, alttestamentarische Schlagzeugwucht und wieder ein Chor, der alles in Grund und Boden hallelujat. Jesus Christ! An dritter Stelle endlich ein Stück, das nach Kanye West klingt: mit spirituellem Soul-Sample aus den Siebzigern und bewährter Saulus-Paulus-Transformationsrhetorik. Danach ist der Drops gelutscht. Die Songs werden ruhiger und übersichtlicher, das Lobpreislevel steigt weiter. Nach 27 Minuten endet Jesus is King mit Jesus is Lord und einer abgewürgten Blaskapelle. Wo zur Hölle sind wir hier eigentlich gelandet?

Alle Fäden laufen bei ihm zusammen

Wer das verstehen will, muss den Weg kennen. Jenen unglaublichen Ritt, den West als zweifelsohne wichtigster Protagonist der vergangenen zehn Popjahre hingelegt hat. Alle Trends und Themen sind in irgendeiner Weise mit seinem Werk verbunden, alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Als die Welt noch auf dem Düster- und Depri-R'n'B festhing, den West schon längst mit 808s & Heartbreak durchgespielt hatte, veröffentlichte er im November 2010 das Maximalisten-Manifest My Beautiful Dark Twisted Fantasy. Rap schien plötzlich auch als Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle denkbar. Der Anfang war gemacht für die Hip-Hop-Dekade der Popgeschichte.

Drake und Nicki Minaj nutzten eigene Interpretationen der Fantasy-Formel, um Streamingbestmarken aufzustellen und Chartrekorde zu brechen. West fragte sich als Nächstes, für wen seine Songs überhaupt gedacht waren. Mit Yeezus nahm er im Sommer 2013 die Rückbesinnung der Rapmusik auf identitätspolitische Themen vorweg. Das grell und kreischend produzierte Album enthielt afroamerikanische Kampflieder gegen den systemimmanenten Rassismus in den Vereinigten Staaten der Gegenwart. Wieder waren es andere, die diese und ähnliche Statements später mit Feinschliff und Grammytauglichkeit versehen sollten: Kendrick Lamar, Chance The Rapper, die Knowles-Schwestern Beyoncé und Solange.