Den Bienen geht's nicht gut. Aber es war Helene Fischer, die 2013 dem liebsten Nutztier in deutschen Kinderzimmern der Siebziger- und Achtzigerjahre mit einer generischen Heimorgeltechnoversion den Garaus machte. Arme Biene Maja. Selten zuvor war Gottes nützliches Geschöpf den Fressfeinden so schutzlos ausgeliefert. Karel Gotts Geschöpf, um genau zu sein.

"Maja, erzähle uns von dir": Mit dieser Hymne setzte er dem japanischen Anime, der von den Abenteuern sprechender Insekten berichtete, 1975 ein musikalisches Denkmal. Sein geschulter Belcanto adelte die Zeichentrickserie zur zeitlosen Weltkunst im Kleinformat – und umgekehrt. So ästhetisch, dramaturgisch und pädagogisch leidvoll Helene Fischers Hochleistungsbiene 38 Jahre später auch daherkam: Karel Gott ließ nichts Negatives verlauten. Warum auch. Die goldene Stimme aus Prag war nicht nur dem Namen nach irdischen Dingen entrückt; im reifemilden Alter von 74 Jahren blickte er auf eine Karriere zurück, die noch gar nicht beendet war und doch locker für drei ausgereicht hätte.

1939 war er im damals böhmischen Pilsen zur Welt gekommen, als 24-Jähriger debütierte er mit der tschechischen Version von Mancinis Moon River. Nach zarten Erfolgen im quirligen, aber provinziellen Prag der Vorfrühlingszeit ging er vier Jahre später nach Las Vegas: Eine Art Showbiz-Hospitanz führte den Absolventen des Musikkonservatoriums für sechs Monate auf dieselben Bühnen wie Frank Sinatra und Sammy Davis, Jr. Das Rat Pack nahm zwar keine Notiz von ihm, hinterließ aber eine in Gotts To-do-Liste: Da will ich hin, nach ganz oben, möglichst schnell!

Schon 1968 nutzte er sein Sprachtalent für Österreichs Beitrag zum Grand Prix Eurovision, der trotz einer wenig beeindruckenden Platzierung das Interesse der boomenden Schlagerindustrie der Bundesrepublik weckte. Die nämlich versicherte sich mit ausländischem Akzent gern ihrer kosmopolitischen Substanz, weshalb nach Roos & Ramsey, Wencke & Gitte der nächste Gastarbeiter auf dem Love Boat artifizieller Weltflucht anheuerte, PR-Auftritte im Musikfilm jener Tage inklusive. Die meisten seiner grob geschätzt 100 Millionen verkauften Tonträger (genaue Zahlen gibt es nicht) sind auf Deutsch erschienen. So geriet der "Sinatra des Ostens", wie man ihn dank seiner warmen Modulation nannte, zum festen Inventar von Dieter Thomas Hecks Hitparaden. Zwischen den Herzbuben, Posterboys und Vaterlandsverteidigern, den Heintjes, Holms und Heinos bildete Karel Gott mit Peter Alexander den Kleingartenblock des Leutseligen: Er wollte mit den Taschen voller Geld Einmal um die ganze Welt, um danach bei Babička tschechische Heimatluft zu schnuppern, auf die er nichts kommen ließ.

Als (noch so ein Etikett der Arglosigkeit) "Bote guter Nachrichten" hielt er sich so konsequent aus allem raus, was die Belastbarkeit des gemeinen Schlagerfans mit Alltagssorgen überstieg, dass ihm der Ruf des Wirbellosen vorauseilte. Für ein "noch glücklicheres und freudigeres Leben dem Volke dieses Landes" agitierte er einst gegen die tschechische, regimekritische Charta 77 und hielt es überhaupt meist mit den bewahrenden Kräften. Weil er stets versuchte, sich "von allem Politischen abzuschotten und mir meine eigene Welt zu suchen, die der Melodie, der Töne, der positiven Nachrichten", so sah es Karel Gott. Weil er kein Rückgrat habe, so sahen es Kritiker.

Mehr als 50 Silberne bis Diamantene Schallplatten brachten ihm diese positiven Melodien ein. Das tschechische Publikum wählte ihn vierzigmal in fünf Jahrzehnten zum beliebtesten Interpreten, dessen rund 1.000 Werke auf Vinyl bis CD ein halbes Dutzend Labels ernährten. Zuletzt sogar das des Rappers Bushido, mit dem der Altstar 2010 eine Kopie von Alphavilles Forever Young in die Charts schoss. Irgendwie gelang dem gereiften Teenie-Schwarm fast alles, seit er vor allem Seniorenherzen zum Glühen brachte.

Schlagersänger - Karel Gott ist tot Der Schlagersänger ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Er stand fast 60 Jahre auf der Bühne und wurde unter anderem mit der Titelmelodie zu "Biene Maja" berühmt. © Foto: Matthias Rietschel/​Getty Images

Gut, ein Museum namens Gottland in seiner alten Villa nahe Prag ging bald nach der Eröffnung pleite. Aber er war selbst im Rentenalter permanent in halb Europa unterwegs, um Konzerte zu geben. 2015 erkrankte er an Krebs, im vorigen Jahr erschien sein letztes Album Ta prava ("Die Richtige") und Karel Gott spielte in einem Märchenfilm an der Seite seiner Töchter und eines Enkels. In der Nacht zum 2. Oktober ist er nun im Alter von 80 Jahren verstorben. Er war der einzige Gesangsstar des Ostblocks, der es auch westlich des Eisernen Vorhangs zu Ruhm gebracht hat.