Das Musikvideo zu dem Song Sketch Artist von Kim Gordon ist eines, das womöglich zu zentnerweise Hausarbeiten in Kulturwissenschaften führen wird. Es qualifiziert sich schon deshalb für eine ausführlichere Analyse, weil es schön ist und dunkel und tänzerisch urban, und weil es mit Bedeutung nur so rumballert. Die deutsche Künstlerin Loretta Fahrenholz hat es in Los Angeles gedreht. In 3 Minuten und 44 Sekunden verdichtet der vor zwei Monaten veröffentlichten Musikfilm viel von dem, was die Musikerin Kim Gordon umtreibt. Wir sehen Gordon, einst Co-Gründerin der Lärmorganisationsgruppe Sonic Youth und Königin des New York Cool, sie sitzt mit prominent geschminkter und beleuchteter Augenpartie am Steuer eines schwarzen, hybridmotorangetriebenen Autos. Ein ähnlich aufgemachter Gast steigt hinten ein, vermutlich ein Mann in Drag. Daneben nimmt ein Junge in einer zu großen Anzugweste Platz, auch er in Verkleidung also. Palmen säumen die Straße, dann geht es los in die Nacht. Auf dem Handy der Fahrerin blinkt die Straßenkarte und ein Firmenlogo: "Unter". Na, wohin diese Reise wohl geht? Ein kurzer Umweg hilft dem Verständnis.

Kim Gordon veröffentlicht im Alter von 66 Jahren nun also ihr erstes Soloalbum, es heißt No Home Record. Die Referenzhölle wird gleich schon heiß, denn der Titel zitiert No Home Movie von 2015, den letzten Film, den die belgische Regisseurin Chantal Akerman gedreht hat, über ihre Mutter, die Auschwitz überlebt hatte. Ein paar Monate nach der Premiere nahm sich Akerman das Leben. It’s only Rock and Roll? Puh, Kim Gordon hat wirklich keine Angst vor der Dunkelheit (und vor Vergleichen, die in Deutschland schwierig wären).

No Home Record kann jenseits der Filmreferenz zwei Dinge bedeuten: nicht zu Hause gemacht – oder ein Album über die Abwesenheit eines Zuhauses. Produzent ist Justin Raisen, der unter anderem für Charli XCX krachige Elektrobretter oder für Yves Tumor langsamere, geheimnisvolle Klangkästen produziert hat. Kim Gordon klingt bei ihm wie eine neuerdings elektronische Lärmpriesterin, die Sounds ihrer Noise-Gitarre gibt es als Toppings obendrauf. Die Produktion ist professionell, das ist alles nicht in der Garage entstanden.

Zurück nach Kalifornien, in die Unterwelt

No Home: Die existenzielle Unbehaustheit ist das Generalthema in Gordons Werk. Weniger pathetisch lässt sich das kaum sagen. Als kalifornisches Mittelschichtkind in der abgefuckten New Yorker Künstlerbohème ab Ende der Siebzigerjahre, fremdelnd als Frau in der lange relativ erfolglosen Rockband Sonic Youth, als lange relativ erfolglose bildende Künstlerin, die als Bassistin und Sängerin eben von Sonic Youth in den Neunzigerjahren auf einmal zum Bezugspunkt für viele jüngere Musikerinnen wurde: Die Band galt plötzlich als das etwas ältere Geschwister des Grunge und flog nun mit Nirvana und R.E.M. um die Welt. Irgendwann muss es sich für Gordon dann auch als Mutter komisch angefühlt haben in diesem ganzen Zirkus. Sie ist vor einer Weile dann nach Kalifornien zurückgekehrt, im Sketch-Artist-Video in eine seltsame Gegenwartszukunft, durch die sie den "Unter"-Wagen steuert. Ein glückliches Nachhausekommen schaut anders aus.

Wer alles schon gesehen hat, den Osten wie den Westen, kann nach den Sternen greifen und hoffen, dass sie oder er dort mehr findet als den Vater wie Brad Pitt aktuell in Ad Astra. Das ist die gängige kalifornische Strategie: Den Weltraum als Innenraum erforschen, Space als Spielplatz therapeutischer Schritte. Oder aber man fährt hinab. Mit dem Fahrdienst namens "Unter", der im Video zu Sketch Artist viel mehr ist als ein Kalauer auf den Taxidienst Uber. Das Video ist ein Gang in die Unterwelt wie bei Orpheus und Eurydike in der griechischen Mythologie. Orpheus, der die Musik erfand, ist Kim Gordon. Bescheidenheit ist keine amerikanische und auch nicht Gordons Tugend.

Orpheus geht in die Unterwelt, darf sich aber nicht nach seiner Gattin Eurydike umdrehen, weil sein Blick sie dann tötet. Gordon kurvt durch die oberirdische Underworld von Los Angeles, und schicke Tänzerinnen und Tänzer werden von ihrem Blick, dem dead stare, tödlich getroffen. Es ist der männliche Blick, von dem Gordon so oft erzählt in ihrer 2015 erschienenen Autobiografie Girl in a Band: dem Blick, der durch Zum-Objekt-Machen das Individuum auslöscht. Als Musikerin in einer Jungsband wollte Gordon immer Teil dieser Blickökonomie sein, um den male gaze umzudrehen. Genau das macht sie in diesem Video. Allerdings noch viel mehr.

Macht man die Augen zu und hört nur hin, ist Sketch Artist wohl eine Hommage an den 2012 gestorbenen Künstler Mike Kelley, mit dem Gordon befreundet war. Gordons Texte sind seit jeher Pop Art, eine Collage aus Gefundenem, Persönlichem, Ausgeschnittenem; Gordon meidet lyrisches Handwerk. Die "wind chimes", von denen die Rede ist und die den Klang des Todes verkünden, das sind ziemlich sicher die vielen Windspiele in Mike Kelleys Werk, der oft Kinderspielzeug mit Unheimlichkeit auflud. So auch den Wollhasen, der auf dem Cover von Dirty zu sehen war, dem siebten Album von Sonic Youth aus dem Jahr 1992. "You are a mystery, like a horse" faucht Gordon in Sketch Artist mit ihrer hauchig belegten Stimme, die Tonalität nur unter Schmerzen zulässt und den leicht hängenden Unterkiefer des kalifornischen Akzents verrät. "Like a horse" – Spielzeugpferde spielten eine große Rolle in Kelleys Spätwerk.

Rock and Roll als Kreuzworträtsel mit Schwerpunkt Kunst aus dem späten 20. Jahrhundert: Man wird das Gefühl nicht los beim Hören von No Home Record, dass die Unbehaustheit auch daher stammt, dass da eine Welt tatsächlich untergegangen ist. Es ist das New York der Achtzigerjahre, der ewigen Kunsthauptstadt des 20. Jahrhunderts, wo im strukturschwachen südlichen Stadtzentrum Musik und Kunst im Dunkeln gediehen. Bis die Szene detonierte. Larry Gargosian als mächtigster Galerist der Welt, Madonna im Pop (fast alle Künstlerfreunde, die Gordon gerne in ihrem Buch und verdeckt auf dem Album zitiert): Diese Leute sind richtig reich geworden und leben schon lange im gleißenden Licht des globalen Kunstmarktes. Und ja, auch Sonic Youth taten es irgendwann, finanziell nicht ganz so ausgestattet wie die Künstlerfreunde, aber mit riesigem kulturellem Kapital. Gordons aktuelles Haus, das sie sich zurück in Los Angeles gekauft hat, kann man im Internet von innen sehen (bei Variety vor dem Kauf; die New York Times durfte auch danach rein).