Ein Moment auf dem ersten Soloalbum von Felix Kummer ist sogar wirklich witzig. Im Song Der Rest meines Lebens rappt der Kraftklub-Sänger darüber, wie alle um ihn herum erwachsen werden, und zählt bewährte Symptome einsetzender Spießigkeit auf: Brunch-Vormittage, Spieleabende, Häuser im Grünen. Man will schon in seinen Kamillentee gähnen, aber dann kommt der Clou: Das Schlimmste am alt und seriös werden sind für Kummer Menschen, die in der Champions League plötzlich dem FC Bayern München zujubeln. Da könne man sich doch gleich auf die Fanmeile zu den Anglerhüten stellen, motzt der 30-Jährige, und es ist ja auch wahr. Endlich ein originelles Bild für die Würdelosigkeit vieler deutscher Alterungsprozesse.

Kummer hat mit Kraftklub wilde Zwanziger durchlebt und erstaunliche Erfolge und Lieder aus einer Formel herausgekitzelt, die schon bei der Bandgründung vor zehn Jahren überholt erschien: Eingedeutschte Hives-Songs und -Uniformen treffen auf trotzige und selbstironische Texte über das Heranwachsen in beziehungsweise das Hinauswachsen aus sächsischen Provinzkreisen. Alle Kraftklub-Alben haben Platz eins der Charts erreicht, die Band hat sich bewährt als Wegbegleiter junger Leute, denen nicht völlig egal ist, was aus ihrem Radio kommt und vor ihrer Wohnungstür passiert. Trotzdem erhöht Kummer als Solokünstler nun die Einsätze.

Älterwerden bedeutet für ihn Zuhausebleiben im doppelten Sinn. Die Clubs müssen heute meist ohne ihn auskommen, seiner Heimatstadt Chemnitz aber bleibt er treu. Dort setzt sich Kummer ein für den Widerstand der Hoffnungsvollen und die Wiederbelebung subkultureller Traditionen. Im vergangenen Jahr gehörte er zu den Initiatoren des #wirsindmehr-Konzerts, mit dem sich 65.000 Anwesende von den rechten Gewaltausbrüchen und Aufmärschen abgrenzten, die das Stadtbild zuvor tagelang geprägt hatten. Anfang Juli ging er als Mitorganisator des Festivals Kosmos Chemnitz in die zweite Runde. Wer nun Kiox nicht digital, sondern als CD oder Schallplatte kaufen möchte, kann das nur vom 11. bis 13. Oktober tun, im eigens dafür eröffneten Plattenladen auf der Karl-Liebknecht-Straße in Chemnitz.

Die Musik zu diesem Aktivismus untersucht Kummers kompliziertes Verhältnis zum eigenen Geburts- und Wohnort. Der beste Song auf dem Album heißt 9010, benannt nach der alten Chemnitzer Postleitzahl. Kinderchor und Neonazis prallen darin aufeinander, "das Karma fickt zurück", rappt Kummer mit Blick auf einen rechten Schläger von früher, der ihm nun als Tankstellenalki wieder begegnet. Genugtuung aber spürt der Künstler nicht, dafür läuft zu viel falsch in der Stadt, die ihm am Herzen liegt. Sieben Jahre nach der Karl-Marx-Stadt-Koketterie des Kraftklub-Debüts erlebt man Kummer nun als Kümmerer und aufrechten Lokalpatrioten. 

Damit ist er schon vor der Veröffentlichung von Kiox zur Symbolfigur des guten, engagierten Ostdeutschen geworden. Das Album will sich nicht aus dieser Rolle heraus stehlen, aber auch das Unbehagen und die Anstrengungen thematisieren, die damit einher gehen. "Ich mach Rap wieder traurig / Ich mach Rap wieder weich", behauptet Kummer zu düster dröhnenden Synthies und verspricht "verweichlichte Befindlichkeitsscheiße". Kiox ist aber nicht sein Kettcar-Album, und auch Deutschrap wird darauf nicht weicher. Es ist Kummer, der härter erscheint als bisher.