Natürlich beginnt das Tagebuch von Nick Cave mit einem Gedicht. Seit 13 Monaten dokumentiert der Mann, den manche für den größten lebenden Songwriter halten, seinen Alltag, ausführlich, öffentlich, auf einer Website. Ausgangspunkt jedes Eintrags ist die Frage eines Fans: Betest du mit deiner Familie? Wie vergibt man? Kann ich einen Songtext haben? Cave beantwortet diese Fragen in eleganter, gedankenvoller Sprache und doch im Vorbeigehen. Meistens macht er sich auf zu höheren Beobachtungen über das Leben und die Kunst, den womöglich universellen Gehalt seiner persönlichen Niederlagen oder über sein Verhältnis zu Kniestrümpfen.

Der erste Eintrag der sogenannten Red Hand Files enthält ein Gedicht namens Fireflies. Im September 2018 schrieb Cave darin über die Notwendigkeit des Staunens und der Ehrfurcht, zwei Grundlagen jeder kreativen Äußerung und sinnvollen Lebensbewältigung, die es selbst nach den härtesten Schicksalsschlägen zurückzuerobern gilt. Oder anders gesagt: Er schrieb über das eigene Überleben, drei Jahre nachdem sein damals 15-jähriger Sohn tödlich verunglückt war. Weiterarbeiten hilft, hat Cave inzwischen gemerkt. Aber nur, wenn man die Allgemeingültigkeit des eigenen Verlusts anerkennt. Wenn man sich öffnet und andere daran teilhaben lässt. Zum Beispiel als spätberufener Blogger.

Fireflies steht am Anfang dieser Erkenntnis und ist nun auch Teil ihres vorläufigen Abschlusses. Oktober 2019, Ghosteen erscheint, das 17. Album von Nick Cave and The Bad Seeds, das erste, dessen Songs nach dem Tod des Sohns entstanden sind. Der Gipfelpunkt der ganzen Selbstentblößungen, Herzausschüttungen und Kommunikationsversuche, zehn Songs über die Kunst des Trauerns und das Trauern in der Kunst sowie dieses eine Gedicht eben. Cave trägt es an vorletzter Stelle des Albums vor. Wabergeräusche umschwirren seine Worte, doch die Botschaft erklingt in aller Deutlichkeit: "We are fireflies trapped in a little boy's hand." Die Eltern als Glühwürmchen in der Hand des Sohns. Wie furchtbar, wie Ehrfurcht gebietend und wie wahr.

Der ganze Werkzeugkoffer der Selbstmystifizierung

35 Jahre nach dem ersten Album seiner Bad Seeds ist Nick Cave also bei den Insekten angekommen. Vorher war er die beste Turmfrisur im australischen Niemandsland, ein Post-Punk-Junkie und Wahlwestberliner, der mit hyperstilisiertem Storytelling eine Schneise der Verwüstung durch die Rockmusik der Achtziger- und Neunzigerjahre schlug. Später tauschte Cave das Heroin als obersten Treibstoff gegen eine gebrauchsfertige Bibelfestigkeit ein. Die Posen der Selbstzerstörung wurden zu Übermannungsposen, seine immer schon sakralen Lieder wuchsen sich zur spätgotischen Songarchitektur aus. Ein schlechtes Album ist unter diesen Vorzeichen erstaunlicherweise nie entstanden.

Stattdessen schöpfte Cave aus seinen Einflüssen und Erfahrungen eine Kunstfigur und Kunstsprache, die man bis heute, durch all ihre Inkarnationen und Modifikationen hindurch, sofort als Nick Cave™ erkennt. Selbst auf Skeleton Tree blieb diese Künstlichkeit unantastbar. Die Aufnahmen des bisher letzten Albums der Bad Seeds zerfielen mit dem Unfall des Sohns in zwei Teile: Unüberhörbar schlichen Tod und Trauma durch die abgestorbenen Landschaften der Lieder. Gleiches galt jedoch auch für die alten Sprachbilder, Überbetonungen und Wortzerdehnungen, den ganzen Werkzeugkoffer der Cave-typischen Selbstmystifizierung. Bis zum Schluss begleitete ein Filmteam die Aufnahmen mit topmodernen 3-D-Kameras.

One More Time with Feeling heißt der Dokumentarfilm, den der Regisseur Andrew Dominik aus dem Material montierte. One Last Time with Feeling wäre der bessere Titel gewesen. Denn Ghosteen ist das Album, auf dem der alte Cave in Trümmern liegt. All die Regieanweisungen und Inszenierungen mit Hufeisenbärten und abenteuerlich aufgeknöpften Hemden, das ganze Jesuspathos zwischen Sünden-, Buß- und Erlösungstheatralik – all das weicht einer Sprache, die klar und direkt vom Einschlag der Katastrophe und der anschließenden Überwindung des Unüberwindbaren erzählt. Cave-Leser kennen sie bereits aus dem Blog des Künstlers.