Am Anfang des neuen Wilco-Albums steht eine Behauptung: Auch unser Schlagzeug kann politisch sein. Seit 25 Jahren versteht sich die Gruppe aus Chicago um den Songwriter Jeff Tweedy als subtil-politische Rockband. Wilco-Songs absorbierten die paradoxe Gefühlslage zwischen Lähmung und Rachsucht, in der sich die Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001 wiederfanden. In ihren Liedern reagierte die Band auf den Irakkrieg und andere Geschehnisse der Ära George W. Bush; und sie fand zu einem poppigen Begleitsound für Barack Obamas Hope-Ära – ohne die Ereignisse oder Personen beim Namen zu nennen. Tweedy ist gut darin, Stimmungen einzufangen. Statements und Slogans interessieren ihn nur selten.

Ein Schlagzeug allerdings setzt fast notwendigerweise Statements. Schon bevor der Rest der Band beim neuen Wilco-Album Ode to Joy ins Spiel kam, traf sich Tweedy mit dem Drummer Glenn Kotche, um die Grundrisse der Lieder zu erarbeiten. Viel geredet wird bei solchen Zusammenkünften normalerweise nicht: Wilco bestehen aus dem Instinktmusiker Tweedy und fünf sogenannten Vollblutmusikern, die mit überqualifizierter Versiertheit auf die Launen und Impulse ihres Bandleaders reagieren. Diesmal aber hatte Tweedy klare Vorstellungen, wie er in einem Interview mit dem Musikmagazin Spin erläuterte. Trocken und primitiv sollte die Snare Drum rasseln, keine unnötige Hi-Hat zum Einsatz kommen, eine Ahnung von Bestrafung in der Luft liegen. Das Schlagzeug als Taktgeber für Protest- oder Soldatenmärsche.

Für Kotche bedeutete das, weniger zu spielen als sonst. Wie die meisten seiner Bandkollegen droht auch der Drummer bei Wilco-Konzerten hinter Effektgeräten und Zusatzaufbauten verloren zu gehen – wie von selbst scheinen sich seine Arme immer wieder zu verlängern, um auch noch das entlegenste Element seines Schlagzeugs zu erreichen. Auf Ode to Joy aber kultiviert er einen Stil der aggressiven Zurückhaltung, der nicht nur Tweedys Vorstellungen von vertontem Aufruhr entspricht, sondern offenbar auch die anderen Wilco-Mitglieder angesteckt hat. Die Band hat Alben aufgenommen, die übersprudelten vor Ideen, in kitschiger Schönheit starben und im Krach neu geboren wurden. Ode to Joy ist ihr erstes, das brodelt.

Selbstironie is over

Seit den Anfangstagen von Wilco hat Tweedy nicht mehr solch geradlinige Songs geschrieben, und nie zuvor ist der Gitarrist Nels Cline vorsichtiger an seine Aufgabe herangegangen, den Songs kleinere Schäden und Schnörkel hinzuzufügen. Cline gilt als Axt- und Nudelgott, ein unbestrittener Meister seines Fachs, der den Wilco-Sound der letzten 15 Jahre ebenso geprägt hat wie Tweedy. Auf Ode to Joy aber punktiert Cline die Stücke mit minimalem Aufwand, haut wenig skreech und skronk dazwischen und gefällt sich als Zuarbeiter mit Slide-Gitarre auf dem Schoß. Er ist der Quiet Amplifier, der stille Verstärker, dem Wilco diesmal ein ganzes nervöses Kitzel- und Krabbellied widmen.

Der Beethoven-Verweis aus dem Albumtitel ist also bereits die größte Finte, die sich Tweedy diesmal erlaubt. Mit seiner Ernsthaftigkeit und Detailversessenheit beendet Ode to Joy eine Phase der überbordenden Selbstironie, in der Wilco-Alben nicht nur Schmilco und Star Wars hießen, sondern auch Songs enthielten, denen der letzte Hunger fehlte. Als Dad-Rock-Institution gilt die Band schon lange: ein Familienunternehmen, das mit zwei Nightlinern herumreist und jeden Abend einer anderen Stadt den Glauben an Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards zurückgibt. In ihrer neuen Heimeligkeit drohten Wilco nun aber zum dad joke zu werden.

Sie wären nicht die erste Rockband, die ein solches Schicksal ereilen würde, aber wahrscheinlich diejenige mit dem verschlungensten Karriereweg. Bis Ende der Neunzigerjahre pflegten Wilco eine neue Form der krachaffinen und klischeebefreiten Countrymusik. Als es eng wurde in dem Genre, schrieben sie das Album Yankee Hotel Foxtrot, das zunächst abgelehnt wurde von ihrer Plattenfirma, im Frühling 2002 aber doch erschien und den Sound dessen prägte, was die Band in der Folgezeit als experimentier- und verweisfreudigen Indierock ausdifferenzieren sollte. Wilco wurden hochgepuscht zur US-Antwort auf Radiohead. Dabei hatten ihr Spielwitz und Erfindergeist mehr mit den späten Beatles zu tun.