Man könnte gerade fast den Eindruck bekommen, die Depression sei im Pop das neue Heroin. Früher sang man von Drogen oder hat zumindest den Eindruck vermittelt, als kenne man die entsprechenden Codes. Mary Jane, Special K, Brown Sugar: Damit waren weder Frauen noch Frühstücksflocken gemeint, sondern Marihuana, Ketamin, Heroin. Heute hingegen singt man mitunter vom Therapeuten (und vom Papa natürlich). Oder schreibt über die eigene Geschichte mit der Depression. Unverschlüsselt. Auch und gerade als Mann, sogar als einigermaßen junger, weißer, gern heterosexueller.

James Blake etwa, der sehr erfolgreiche, elektrozarte Kammerpopsänger, hat sich dieser Tage in einem Buchbeitrag, der von Blakes Erfahrungen mit Depression handelt, als seelisch angeschlagen geoutet. Der Text erschien in einem Sammelband, den die 23-jährige britische Journalistin und Instagram-Influencerin Scarlett Curtis, wie es auf dem Cover steht, "kuratiert" hat: In It’s Not OK to Feel Blue (and other lies), erschienen im ehrwürdigen Verlag Penguin, versammelt Curtis rund 70 Beiträge von bekannten bis berühmten Menschen mit im weitesten Sinne popkultureller Karriere wie Sam Smith und Lena Dunham. Diese geben darin weidlich Auskünfte über ihr Seelenleben. Der Band erfüllt einige negative Vorurteile, die man gegenüber einer spezifischen (Selbst-)Betrachtungsweise zumeist jüngerer Menschen heute hegen könnte. Er beginnt mit einer Trigger-Warnung, und ansonsten wird sehr oft und in sehr großen Buchstaben versichert, dass die Autorinnen und Autoren okay sind, ebenso wie die Leserinnen und Leser okay sind, und dass alle miteinander ein Recht auf ihre Gefühle haben.

Blakes separat veröffentlichter Text indes ist ein beachtliches Dokument der Introspektion. Er beschreibt den Krankheitsverlauf seiner Depression, begonnen hat es offenbar bereits im Jungenalter. Blake erinnert sich: Scheu sei er gewesen, introvertiert, ein leichtes Opfer für bullies in der Schule, verklemmt, einsam. Und als dann mit Anfang 20 der Erfolg als Musiker und die Frauen kamen, fand er das auch wieder komisch und stieß Letztere erst einmal alle von der Bettkante. Gleichzeitig verbringt Blake in diesem rührenden, erwartungsgemäß smarten Text viel Zeit damit zu reflektieren, was er da tut. Die große Frage ist: Darf ein weißer privilegierter junger Mann über sein Leiden reden? Schwierig, ja. Aber um es kurz zu machen: Er darf (weil auf Darf-man-Fragen zuverlässig der Vollzug und also der Beweis folgt, lautet die Antwort stets: Ja, man darf). James Blake scheint zu genießen, dass er nun über seine Depression sprechen kann. Übrigens: Es geht ihm besser, sonst könnte er nicht darüber schreiben.

Bitte nicht romantisieren

Denn bevor man in Versuchung kommt, Depression zu romantisieren, weil das so gut zur Fistelstimme von Blake passt, sei laut gesagt: Es geht nicht um herbstliche Melancholie. Es geht auch nicht darum, verzückt zu sein darüber, dass Männer jetzt darüber sprechen wollen. Depression ist ein Megahammer, der einem den Kopf zertrümmert und den Körper zur Strecke bringt.

Er habe tagelang nur gekifft und gedaddelt, schreibt Blake. Sein Text zeichnet ein gruseliges Bild von Gras, Games und fiesen Freunden, die ihn finanziell ausgenommen haben. Heute ist er 31 Jahre alt, ein Millennial, Angehöriger der Generation Y, die man Englisch ausspricht: Y wie why. Warum öffnet Blake seine Krankenakte? Im Pop-Business, das für so etwas bislang keinen Platz hatte? Und stimmt das überhaupt? 

Laut einigen Studien aus den vergangenen Jahren werden bei Frauen erheblich häufiger Depressionen festgestellt als bei Männern. Wobei oft unklar bleibt, inwiefern Geschlechterstereotypen die Diagnostik beeinflussen. Und zumindest im Pop ist es womöglich ein weiteres Klischee aus dem binären Geschlechterknast, dass Frauen besser über ihre Gefühlslage sprechen können als Männer. Schwäche als Thema bei weiblichen Popstars? Im Mainstream-Pop mussten (oder wollten) Frauen oft Stärke performen. Madonna, Britney Spears und Beyoncé waren und sind gepanzerte Hochleistungsmaschinen. Weiter weg von sensibler Introspektion, von einem Krankheitsbild, konnten die alle nicht sein. Sie waren skandalisierbar, klar, doch die Versuche des Göttinnensturzes haben sie meistens pariert. Außer Spears vielleicht. Wer am Boden liegt, kann aber auch nicht mehr gestürzt werden.

Dagegen war für Männer, die ihre Feinfühligkeit oder Andersheit zur Schau tragen wollten, immer etwas mehr Platz im Pop als im Rest des Lebens. Musik war in diesem Sinne für Männer emanzipatorischer als für Frauen. Pop, die Volkskunst des Kapitalismus, machte Angebote für die Bebrillten auf dem Schulhof, für die Schwulen in der Provinz und für alle Scheuen in der Ecke. Was sie in der Realität oft nicht ausleben durften, konnten sie in ihrer Kunst darstellen. Was sie in der Wirklichkeit oft nicht waren, konnten sie durch die und in der Musik sein, Helden und Besitzer ihrer eigenen Erzählungen.

Schon in den ersten Jahren des Rock’n’Roll entsprachen etwa Buddy Holly oder Little Richard nicht dem Paradigma des weißen Mackers – Holly war zu dürr und seine Brille zu dick, Richard war schwarz und homosexuell. Man könnte in jedem Jahrzehnt Protagonisten finden, die gerade in der vermeintlichen Abweichung einen Markt fanden, ein sich in ihnen spiegelndes Publikum. In den Siebzigern feierte der Glam Rock von David Bowie oder noch mehr der New York Dolls das Schizoide – Pop als Anti-Psychiatrie. Punk nahm diesen Impuls direkt auf, aber mit mehr proletarischer Attitüde und mit weniger sexueller Transgression. Und in den Achtzigerjahren hieß dann ein ganzes Genre wie die Eckensteher in der Schule: Shoegazer-Bands wie Jesus and Mary Chain oder My Bloody Valentine, in der populären Variante sogar The Cure machten Musik für Leute, die lieber auf die Schuhe starrten (shoegazing) als dem Gegenüber in die mit Kajal schwarzumrundeten Augen. 

Doch das Kostüm der Andersheit bestätigt keineswegs nur die Liberalität des Pop. Little Richard, bürgerlich Richard Penniman, sagte einmal, er habe seine irre Pompadour-Frisur und die krasse Schminke vor allem deshalb getragen, um den weißen Männern damit zu signalisieren: So einer lässt deine (weiße) Frau garantiert in Ruhe. Was die Männer, ob Homo oder Hete, nicht ahnen konnten: Die Frauen fuhren dessen unbeirrt weiter auf Little Richard ab. Er war einfach zu sexy, wie er mit funkelnden Augen, breit geöffnetem Mund und immer stehend das Klavier bearbeitete, den Po provokant rausgestreckt.