Zu einem popmusikalischen Ereignis von nationaler Bedeutung ist es am Sonnabend in der ausverkauften Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof gekommen: Hier gab eine der gegenwärtig erfolgreichsten und bedeutendsten Sängerinnen in deutscher Zunge, Sarah Connor, das zweite Konzert ihrer soeben begonnenen Herz-Kraft-Werke-Tournee. Auf die Bühne der Mehrzweckhalle kam sie in einer Glattlederschlaghose mit einem breitkrempigen Schlapphut über ihrem Gesicht, sie ließ sich mit einer hydraulischen Vorrichtung aus dem Untergrund der Halle an die Oberfläche emporfahren und sang als erstes das Lied Keiner pisst in mein Revier, in dem sie etwaigen Rivalinnen um die Zuneigung ihres Lebensgefährten mit Gewaltandrohungen unterschiedlicher Art begegnet, beispielsweise möchte sie diese behandeln "wie Hannibal Lecter". Als nächstes bot sie das Stück Hör auf Deinen Bauch dar, in dem sie zu einem militärischen Marschrhythmus alle Menschen auffordert, sich auf die Dächer der Stadt zu stellen und dort laut zu singen, dabei wurde sie – wie im gesamten Verlauf des Konzerts – von drei hellhäutigen Sängerinnen in glitzernden Abendkleidern begleitet sowie von einem sechsköpfigen dunkelhäutigen Gospelchor, alle gemeinsam unterstrichen den imperativischen Charakter des Liedes dadurch, dass sie immer wieder in rhythmischer Weise "Hallo hallo!" riefen und sangen.

Herz Kraft Werke ist – nach dem 2015 erschienenen Werk Muttersprache – das zweite Album, das Sarah Connor mit ausschließlich auf deutsch gesungenen Liedern bestückt hat; sie haben einen in weiten Teilen aufmunternden, manchmal auch nachdenklichen Charakter. "Wo geht es hin? Wo liegt der Sinn und warum sind wir hier?" fragte sie beispielsweise in dem Stück Ich wünsch Dir, um dann mit dem Resümee fortzufahren: "Keine Ahnung." – "Um Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu haben", sagte Sarah Connor in einer längeren Ansprache kurz nach dem Beginn des Konzerts, "ist es wichtig, erst einmal Fragen zu stellen. Zum Beispiel die Frage: Warum berührt uns so wenig?" Die Antwort auf diese Frage gab sie in dem folgenden Stück Ruiniert, in dem sie beispielsweise bekundete, dass "Panzer und Despoten" und "AfD-Idioten" ihr Herz nicht zu erobern vermögen. Nach der Zeile mit den "AfD-Idioten" gab es von ihrem Publikum ordentlichen, wenn auch nicht überwältigenden Szenenapplaus. Währenddessen schwebte auf der Videoleinwand hinter der Bühne ein herzförmiger Luftballon über die Szene, und am Ende reagierte das Publikum jedenfalls wie aus einer Kehle, als es von Sarah Connor gefragt wurde: "Was brauchen wir?" Publikum: "Liebe, Liebe, Liebe!"

Besonders interessant an der ersten Hälfte des Konzerts war, dass sich in der Selbstinszenierung von Sarah Connor der unbezweifelbare Wunsch nach Intimität, Nähe zum Publikum und individueller Authentizität in sonderbarer Weise mit einer maximalen musikalischen Floskelhaftigkeit verschränkte. Sie sang ein Lied für ihre achtjährige Tochter (Unendlich) und ließ dies nach einem romantisch bewegenden Anfang ganz ungerührt von einem fies solierenden Mietgitarristen, der aussah wie der junge Johnny Depp, hinweggniedeln. Viele Songs begannen in Singer-Songwriter-Manier mit grübelnden Zeilen über den Zustand der Welt und die mangelnde Liebe unter den Menschen, um dann verlässlich in Hu-li-dödel-di-hu-lödel-di-jo-ho-Chorgesänge zu eskalieren, in denen insbesondere von der Gospelbegleitung alles wieder zerbrüllt wurde, was sich an Feinheiten in den Kompositionen eventuell fand.

Ihre Texte schreibt Sarah Connor nach eigener Auskunft selbst, bei den Kompositionen der Songs hat sie auf Herz Kraft Werke im wesentlichen mit zwei Teams zusammengearbeitet. Das eine besteht aus Peter Plate und Ulf Leo Sommer, bekannt als Sänger (Plate) und Texter (Sommer) für das nicht zuletzt bei schwulen und lesbischen Hörern und Hörerinnen beliebte Duo Rosenstolz. Das andere kreist um den Berliner Produzenten Konstantin Scherer alias Djorkaeff, der vor allem durch Arbeiten für Rapper wie Sido, Fler, Capital Bra und Bushido bekannt geworden ist. Zu Scherers berühmtesten Tracks zählen etwa Bushidos Stücke Fotzen und Stress ohne Grund ("Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz") – insofern könnte man sagen, dass Sarah Connor bei der Wahl ihrer Kooperationspartner ein breites gesellschaftliches und weltanschauliches Spektrum abdeckt.

Wer hört diese Musik? Im Wesentlichen schien es sich, jedenfalls in Berlin, um Mütter zu handeln, deren Kinder noch nicht alt genug sind, um ohne Babysitter oder eine andere Aufsicht – zum Beispiel den Vater – während eines Konzertbesuchs zu Hause gelassen werden zu können. Zwischen zwei Stücken erinnerte sich Sarah Connor daran, wie während ihres letzten Konzerts in der Mehrzweckhalle auf der Muttersprache-Tournee ihr damals acht Monate alter Sohn im Backstage-Bereich auf sie wartete, sie habe ihm vorher und nachher die Brust gegeben und beim Auftritt stets ein Babyfon im Blick gehabt. Auf die anschließende Frage, wer heute Abend auch gerade "kinderfrei" habe, gingen unter allgemeinem Johlen Abertausende Hände sogleich in die Luft. Auf die Frage, wer seine Kinder mitgebracht habe, waren es auch viele Hände, wenn auch bedeutend weniger.