Früher lautete die entscheidende Frage der Nacht: Wie komme ich bloß rein in den Club? Heute lautet sie oft: Will ich da überhaupt noch rein? Oder passieren die neusten und aufregendsten Dinge inzwischen anderswo? Vor allem in der experimentellen und konzeptfreudigen elektronischen Musik werden Räume, die lange Zeit als Zufluchtsorte unter Gleichgesinnten galten, immer häufiger kritisch hinterfragt. Der Club galt der Incrowd mal als Schutzraum vor den Außenstehenden und Nichtsverstehenden. Und natürlich hat diese Idee noch nicht ausgedient. Es gibt jedoch DJs und Produzentinnen, die sich zunehmend davon verabschieden – und sich den Freiheiten ihrer selbst geschaffenen Welten und Schutzräume zuwenden.

Auch auf der Tanzfläche ist das Leben also komplizierter geworden. In einem viel beachteten Text für das Musikportal Pitchfork hat sich der britische Popkritiker Simon Reynolds jetzt mit diesem Phänomenen beschäftigt. Reynolds ist der wahrscheinlich höchstdekorierte Mann seines Fachs: Er hat Standardwerke über Post-Punk, Glam Rock und Rave geschrieben und sich in seinem Buch Retromania einflussreiche Gedanken zum Zustand der Popkultur in Zeiten ihrer permanenten Verfügbarkeit gemacht. Auch die elektronische Musik steht seinen Überlegungen zufolge an der Schwelle zu einer neuen, kritischen Phase: dem Zeitalter der Conceptronica.

Der Popkritiker Simon Reynolds, geboren 1963 in London, lebt und schreibt seit vielen Jahren in New York. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher "Retromania" (2011) und "Rip It Up And Start Again" (2005), die große Resonanz erfuhren und auch auf Deutsch erschienen sind. © Adriana Bianchedi

Laut Reynolds bedeutet diese Entwicklung vor allem, dass Techno und dessen Verwandtschaft nicht mehr vornehmlich für den Einsatz in ihrem einstigen Paradesetting produziert werden. Sondern für Museen, Seminarsäle und einen lukrativen Zirkus der audiovisuell ausgerichteten Expertenfestivals. Ekstatische und körperliche Erfahrungen treten zurück hinter eine theoriegeprägte Auseinandersetzung mit neuer Musik und ihren multimedialen Begleiterscheinungen. Die Schöpferinnen und Schöpfer solcher Gesamtkunstwerke bezeichnet Reynolds als smarte Selbstkuratorinnen. Ihre Pressemitteilungen sind für ihn mehr oder weniger unverblümte Fördergeldanträge.

Woher diese Häme gegenüber Kunstschaffenden kommt, die sich lieber mit großen Ideen beschäftigen als mit ebensolchen DJ-Gagen, bleibt unklar. Reynolds jedenfalls war bisher nicht als Gegner herausfordernder Musik bekannt. Gerade mit seiner Retromania-Streitschrift positionierte er sich gegen einen Popbetrieb, der immer tiefer in der eigenen Vergangenheit versinkt, die Schlachtabfälle alter Helden ausweidet und seiner gegenwärtigen Bedeutungslosigkeit mit noch mehr Rückbesinnung auf bessere Zeiten begegnet. Die Diagnose des Kritikers ließ sich herunterbrechen auf eine alles erdrückende Denkfaulheit der Musikschaffenden. 

Umso befremdlicher ist der streckenweise intellektuellenfeindliche Ton, den Reynolds nun acht Jahre nach Retromania in seiner Conceptronica-Kritik anschlägt. Unter dem von ihm selbst geschöpften Genrebegriff fasst er etwa die KI-Knoblerin Holly Herndon und den Welterneuerer Chino Amobi zusammen, der sich an musikalischen Wegbereitungen für hierarchiefreie Gesellschaftsformen versucht. Gemeinsam haben diese Kunstschaffenden – neben ihrer Aversion gegen Denkfaulheit – vor allem das Interesse an den Schnittstellen von Technologie, Mensch und Sound. Dort formulieren sie die künstlerischen und politischen Ansprüche einer elektronischen Musik, die den Hedonismus früherer Tage für ausgereizt hält.

Das ist Fortschritt, wie er im Buche steht. Oder stehen sollte. Denn Herndon, Amobi und ihre Weggefährtinnen reichen mit ihren Alben und Performances nicht zuletzt jenes vorausschauende Abschlusskapitel nach, das in Retromania fehlte. Noch dazu mit digitalen Produktionsmitteln, die zugleich Teil einer weltumfassenden Gegenwartsdebatte sind. Für Reynolds aber scheint auch 70 Jahre nach Emma Goldman zu gelten: Bitte keine Revolution, zu der ich nicht tanzen kann. Er hört vor allem den Ernst und das Theoriewissen, mit denen sich die Conceptronica in ihren Fantasiewelten einrichte. Sollte es dabei um Befreiung gehen, wundert sich Reynolds, warum fühle er sich dann nicht befreit davon?