"Wir alle machen Drag", sagt Tom Neuwirth. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Tom Neuwirth ist gerade 31 Jahre alt geworden. Mit 17 erreichte er in der österreichischen Castingshow "Starmania" den zweiten Platz und war danach kurze Zeit Mitglied der Boygroup jetzt anders!. 2012 nahm er in Gestalt seiner Kunstfigur Conchita Wurst zum ersten Mal am österreichischen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) teil. Der Protest war groß: Soll eine Frau mit Bart etwa das Land repräsentieren? Zwei Jahre später versuchte er es erneut und gewann für Österreich den größten Gesangswettbewerb der Welt. Jetzt hat sich Neuwirth der langen Haare entledigt und sein drittes Album "Truth over Magnitude" herausgebracht. Ab 14. November wird er in der Jury der Castingshow "Queen of Drags" an der Seite von Heidi Klum und Bill Kaulitz auf ProSieben zu sehen sein. Seit der Bekanntmachung gab es heftige Kritik an diesem Sendeformat – besonders aus der queeren Community. Wie geht Neuwirth damit um? Wir treffen ihn im Oktober zum Gespräch in einem Berliner Hotel, er setzt sich und summt eine fröhliche Fanfare.

ZEIT ONLINE: Herr Neuwirth, Sie haben die Haare kurz und treten jetzt als Wurst auf, also ohne Conchita. Dem Pressetext zu Ihrem neuen Album entnehmen wir, das sei nun Ihr "maskulin-kantiges" Kontrastprogramm. Braucht es immer eine Kunstfigur, die eine bestimmte Facette verkörpert, oder können Sie irgendwann auch mal sagen: "Ich heiße Tom Neuwirth und bin das alles"?

Tom Neuwirth: Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt so nah an meiner Privatperson bin wie noch nie zuvor. Vielleicht zuletzt, als ich 17 und bei Starmania war. Ich bekomme ständig die Frage gestellt: Ist es jetzt er oder sie? Ich verleite mich dann immer selbst dazu, eine Schublade zu eröffnen, um den Menschen zu erklären, was denn eigentlich los ist. Am Ende bin es einfach nur ich, und manchmal halt mit Perücke, manchmal ohne, manchmal maskulin, manchmal feminin.

ZEIT ONLINE: Ohne diese glamouröse Kostümierung wirken Sie wahrscheinlich sehr viel nahbarer, auch auf die Fans.

Neuwirth: Ich merke natürlich, dass sich ohne die Perücke die Situationen häufen, in denen Menschen mich erkennen. Und ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie lustig ich das finde. Barbara Schöneberger hat mal gesagt, sie werde auf der Straße nicht erkannt, wenn sie kein Make-up trage. Das versuche ich jetzt auch. (lacht laut)

ZEIT ONLINE: Nicht wirklich, oder?

Neuwirth: Es ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Ich habe in den letzten Jahren verstanden: Die Leichtigkeit und die Welt in meinem Kopf sind nicht immer regelkonform mit einer First Lady Conchita im Bleistiftrock und gut frisiertem Zweithaar. Das, was ich jetzt mache, ist ein Teil meiner Persönlichkeit, die ich bis dato in einer weiblichen Erscheinung nicht ausgelebt habe. Ich habe immer privat zu Elektromusik getanzt und dachte mir: Warum mache ich dann nicht solche Musik, die ich toll finde?

ZEIT ONLINE: Bedeutet Truth over Magnitude jetzt einen musikalischen Einschnitt oder ist der eher in Ihrer Inszenierung zu finden?

Neuwirth: Ich hatte mir eine Präsidentengattin erschaffen und nach diesem Protokoll funktioniert und gelebt. Ich habe mich nach dem Song Contest verloren. Musikalisch ist es natürlich ein anderer Sound, obwohl ich auf meinem ersten Studioalbum auch schon Nummern hatte, die relativ elektronisch waren. Aber die haben nicht so viel Beachtung bekommen. Und somit, ja: Optisch war es wahrscheinlich der größere Cut. Die Glatze war's. Die hat mich befreit.

ZEIT ONLINE: Mit dieser Glatze waren Sie im Februar an der Seite des österreichischen Justizministers Josef Moser (ÖVP) beim Wiener Opernball. Als Sie vor fünf Jahren den ESC als bärtige Dame gewonnen haben, äußerten sich vor allem konservative Politiker abfällig. Heinz-Christian Strache, Wladimir Putin, Jarosław Kaczyński ...

Neuwirth: Alle waren dabei. Danke für die Aufmerksamkeit. (lacht)

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie die Situation von Transpersonen und Homosexuellen in Europa heute ein? Konnten Sie etwas durch Ihre Präsenz bewirken?

Neuwirth: Ich glaube, im medialen Mainstream hat sich durchaus etwas getan. Auch wenn ich mich mit Teenagern unterhalte, stelle ich eine Sensibilität fest, die ich vorher so noch nicht kannte – da werde auch ich gemaßregelt, wenn ich etwas Falsches sage. Und das, finde ich, ist eine wunderschöne Entwicklung. Aber ich tendiere dazu, zu vergessen, dass auch ich in einer Bubble lebe.

ZEIT ONLINE: Wir müssen über die tollen senfgelben Lackstilettos sprechen, die Sie gerade tragen.

Neuwirth: Man merkt, dass ich gerade aus Los Angeles komme. Ich hab mich heute so angeschaut und dachte: Ah, da ist ein bisschen was übriggeblieben!

ZEIT ONLINE: Sie waren in Kalifornien, um mit Heidi Klum und Bill Kaulitz die neue ProSieben-Show Queen of Drags zu drehen. Das ist ein Format nach dem Vorbild von Ru Paul’s Drag Race, einer Castingshow für Dragqueens, die in den USA sehr erfolgreich läuft.

Neuwirth: Sagen wir, wie es ist: Ru Paul's Drag Race hat einer heranwachsenden Generation gezeigt, dass Individualismus großartig ist. In meiner Community wird das seit zehn Jahren konsumiert. Und das hat uns auch ein bisschen stärker gemacht. Aber wenn ich in Wien ein Pärchen von zwei Frauen oder zwei Männern sehe, finde ich es zwar schön, aber es fällt mir immer noch auf, wie speziell das ist. Und ich glaube, solange das noch so ist, können wir nicht behaupten, dass eine Gleichberechtigung herrscht.

ZEIT ONLINE: Das deutsche Publikum kennt Dragqueens ja eher in Gestalt von Olivia Jones, Lilo Wanders oder Mary aus der Marmeladenwerbung. Man nannte sie Tunten und hat sie immer gern als Paradiesvögel vor die Kamera geholt, wenn es mal bunt oder auch schlüpfrig werden sollte. Wer also bisher nur das gesehen hat, fragt sich vielleicht: Was ist eigentlich Drag?