Schmerz ist ihr Vergnügen – Seite 1

Tahliah Barnett liebt den Schmerz. Seit sie vor sieben Jahren mit vier Songs und zugehörigen Videos in der Poplandschaft aufschlug, arbeitet die Künstlerin, die sich heute FKA Twigs nennt, an der Echte-Welt-Ausgestaltung ihrer eigenen Luftschlösser. Vom Grundriss über die Bodenplatte bis zum Kleber hinter der Tapete plant sie alles selbst: Es gibt eine Reihe unverwechselbarer Twigs-Sounds, -Looks und -Moves, die man vor allem dann sofort erkennt, wenn sie bei anderen Musikerinnen, Tänzern oder Designerinnen auftauchen. Drei Jahre ohne neue Lieder von Barnett haben diesen Eindruck noch einmal verstärkt. Als Gesamtkunstwerk ist FKA Twigs gut kopierbar und doch unerreichbar – weil niemand den Schmerz so sehr liebt wie sie.

Es gibt Leute, die alles können oder das wenigstens von sich glauben. Genies und Hochstapler, die sich vor allem darin ähneln, dass sie nichts wären ohne ihr staunendes Publikum. Es gibt aber auch Leute, die alles lernen, zunächst einmal für sich selbst. Schon als Musterschülerin eines katholischen Internats in der westenglischen Provinz gehörte Barnett zu dieser Kategorie. Später kamen sechs Uniabschlüsse und erstaunliche Nebentätigkeiten hinzu. Barnett trainierte ihre anfangs dünne Singstimme bis kurz vor Opernlevel, sie ließ sich zur Komponistin und Produzentin ausbilden und turnte solange mit Stangen und Schwertern herum, bis ihr auch hochkomplizierte Tanz- und Kampfsportchoreografien gelangen.

FKA Twigs ist keine geniale Sängerin oder Songwriterin, keine geniale Tänzerin, Schauspielerin, Regisseurin oder Kuratorin. Sie ist eine geniale Lernerin, eine Trainingsweltmeisterin im besten Sinn des Wortes, die auf ihrem zweiten Album Magdalene ganz beiläufig erklärt, wie es dazu gekommen ist. "Aching is my laugther", lautet eine Zeile im Song Daybed: Schmerz ist ihr Vergnügen. Es geht also um die Qual auf Magdalene. Darum, sich selbst zu zerfleischen für die Kunst oder für einen anderen Menschen, andere Menschen zu zerfleischen für das eigene oder das Allgemeinwohl – und immer wieder darum, wie weh und gut das alles zugleich tut.

Die Mittel dafür hat Barnett noch einmal verfeinert. Magdalene beginnt mit gregorianischen Chorälen und Schwermetall-Percussion, die in weiter Ferne erklingen. Ein präpariertes Klavier menschelt dazwischen, doch wenig später schon löst sich Barnetts Stimme in Regentropfensamples auf. Thousand Eyes heißt diese Ahnung von einem Song, und gerade weil sie nie richtig in Gang kommt, erscheint sie so ungeheuer selbstgewiss. Ein Stück später klingt das Stocken und Stottern der Beats schon wieder vertrauter, aber auch Home With You nimmt eine plötzliche Wendung. Zu schnörkeligen Holzbläsern demonstriert Barnett ihre Stimmkontrolle bis in die höchsten Register. Ein Albumauftakt wie ein Einserabitur.

Barnett hat die Songs auf Magdalene mit zahlreichen aktuellen und zukünftigen Starproduzenten erarbeitet, darin folgt sie der derzeit gängigen Popkonvention. Es ist jedoch weder Skrillex noch Nicolas Jaar, weder Jack Antonoff noch Daniel Lopatin, der dem Album seinen Stempel aufdrückt. Die Sache läuft andersherum. Barnett absorbiert die Eigenheiten der Diskozerstörer und -psychedeliker, der Pianoschmachter und Geräuschquellenrecycler. Sie modifiziert und durchmischt die Beiträge der Produzenten, bis alles so gut kopierbar und doch unerreichbar wie eingangs beschrieben nach FKA Twigs klingt. Jaar soll sogar darum gebeten haben, dass sein Name aus den Albumcredits verschwindet. Nicht aus verletzter Eitelkeit, sondern aus Gründen der Fairness.

Frauen, die sich nicht auf ihre Männer reduzieren lassen

Das ist der Unterschied zwischen Magdalene und Barnetts einflussreichem Debütalbum LP1 aus dem Jahr 2014. Wo die Fingerabdrücke von angesagten Mitstreiterinnen wie Arca und Clams Casino noch als verwischte Spuren erkennbar blieben, spannen produktionstechnische Trends und Experimente aus dem Gegenwartspop diesmal keine Sicherheitsnetze mehr unter den Liedern auf. Es wird weiterhin Menschen geben, die FKA Twigs als geschmackvoll designtes Produzentenprojekt abtun. Was bisher fahrlässig war, muss man in Zukunft jedoch böswillig nennen.

Magdalene hat keine Wurzeln in zeitgenössischer R’n’B- oder Clubmusik. Lediglich der Gastrapper Future vertraut auf Auto-Tune bis zum Anschlag und verortet das Album damit im 21. Jahrhundert. An anderer Stelle verschränkt Barnett Trap-Rap mit Opernambitionen und den Fabrikhallensound des Post-Punk mit frühmittelalterlichen Gesangsarrangements. Ihre Songs ragen so eigen und selbstbewusst aus allem heraus, was Menschen gerade millionenfach streamen, dass auch die bisher obligatorische Nennung ihrer (in aller Regel männlichen) Gehilfen niemanden mehr weiterbringt. Wer die richtigen Vergleiche ziehen will, muss bei wandelnden, ewig wandelbaren Gesamtkunstwerkerinnen wie Björk, Kate Bush und Joanna Newsom ansetzen.

Dieser emanzipatorische Vorstoß prägt auch die Texte auf Magdalene. Barnett ist fähig zu ebenso Steine erweichender wie grammatisch wasserdichter Liebeslyrik: "I’d save a life if I thought it belonged 2 U", singt sie in Home With You mit einem smarten Schreibweisenverweis auf Sinéad O’Connors Version von Nothing Compares 2 U. Denn Magdalene handelt von Frauen, die darum kämpfen, nicht länger auf ihre vermeintlichen Wegbereiter oder die (Ex-)Männer an ihrer Seite reduziert zu werden. In einigen Interviews hat Barnett bereits durchblicken lassen, dass sie damit eine Verbindung zu ihrer langjährigen Beziehung mit dem Twilight-Star Robert Pattinson herstellen wollte. Obwohl diese Beziehung schon 2017 geendet ist, campen Paparazzi bis heute vor ihrer Haustür.

Barnett hat daraus gelernt, wie schnell man als moderat erfolgreiche Künstlerin zum Fetischobjekt der zuvor indifferenten Londoner Tabloids werden kann – wenn sich ein normgerechter Teenieschwarm findet, der die Schönheit und Sexyness dieser Künstlerin durch seine Zuneigung salonfähig macht. Um dieser persönlichen Erfahrung Allgemeingültigkeit zu verleihen, greift Barnett mit dem Titel und mehreren Stücken ihres neuen Albums auf den kontroversen Bibel-Sidekick Maria Magdalena zurück. Gängigen Lesarten, die in der Begleiterin von Jesus eine Altertumsversion heutiger Spielerfrauen erkennen, setzt Magdalene ein differenzierteres und weitaus empathischeres Bild entgegen.

Allrounderin, die sie ist, will Barnett alles verkörpern, was aus Maria Magdalena herauszuholen ist: die Verführerin und Sünderin, die Heilerin und Gefährtin, eine Symbolfigur des Begehrens und der sexuellen Selbstbestimmung. Das Schlüsselstück auf Magdalene ist seiner Titelheldin gewidmet und erklingt zur Mitte des Albums. Cello, Harfe und Klavier täuschen Kammermusik an, doch auch dieser Song ist nicht so einfach festzunageln. "I do it like Mary Magdalene", singt Barnett, halb als Bekenntnis, halb als Drohung gemeint. Die Musik dreht wenig später Richtung Trance ab.

Man kann diese Bezugnahme für ein allzu abgegriffenes Stilmittel halten. Die Apostelin ist allerdings kein weiterer unter zahllosen Arbeitsschritten, den Barnett im Lauf der Albumproduktion abgehakt hat. Ihre Geschichte rechtfertigt die ganze Lernerei und Selbstzerfleischung, die einmal mehr umwerfende, streckenweise auch überfordernde audiovisuelle Gesamterscheinung des Albums Magdalene. Denn dieses eine Mal erzählt FKA Twigs nicht wie eine Künstlerin, die es kann. Sondern wie eine, die muss. 

"Magdalene" von FKA Twigs erscheint am 8. November bei Young Turks/XL/Beggars/Indigo.